Diffusion von Meinungen

Grundlage der folgenden theoretischen Überlegungen und Modelle zur Meinungsbildung ist ein dynamischer Prozess, der wesentlich auf Kommunikation basiert. Neue Meinungen stoßen auf Widerstand, der überwunden werden muss, um ihnen Akzeptanz und Geltung zu verschaffen. Das Vorhandensein von Widerstandes zeigt, dass es sich hier um eine Konfliktbehandlung durch Kampf handelt.
  1. Meinung und Widerstand

  2. Fan Modelle

  3. Mehrere Meinungsgegenstände (Z4-Modell)

  4. Der Meinungsraum (Z5-Modell)

  5. Jenseits des Meinungskampfes

Selbst wenn eine Meinung sich im Kampf durchsetzt (herrschende Meinung, Sieg), wird der Widerstand in der Regel nicht restlos verschwinden. Wird der Widerstand unterdrückt, resignieren die Gegner der Meinung vielleicht für eine gewisse Zeit. Oft treten dann Umstände oder Anlässe ein, die ein Wiederaufflackern des Widerstandes zur Folge haben. Der Kampf wird in eine nächsten Phase fortgesetzt. Diese Episoden sind typisch für Konfliktbehandlung durch Kampf.

Oft kommt es auch zu (vermeintlich) neuen Meinungen (Mindermeinungen), die im Kampfgeschehen der ursprünglichen Auseinandersetzung ein Schattendasein gefristet haben. Sie zwingen die herrschende Meinung in neue Auseinandersetzungen. Fast immer kommt es bei der neuen jetzt herrschenden Meinung zu Widersprüchen mit Meinungen zu anderen Meinungsgegenständen. Dadurch entstehen Spannungen bzw. neue Konflikte, die z.B. durch Kompromisse aufgelöst werden. Es kann auch vorkommen, dass dadurch ein kreativer Prozess in Gang gesetzt wird, der eine neue Meinung hervorbringt, die als Konsens die Widersprüche beseitigt, sich aber auch erst noch gegen die Widerstände und Kompromissformeln durchsetzen muss.

nach oben Meinung und Widerstand

nach oben Meinungen und Meinungsgegenstände

Meinungsgegenstände sind mehr oder weniger scharf umrissene Objekte, Themen oder Begriffe, zu denen Personen eine Meinung haben können. Beispiele sind: Eigentlich gibt es kaum etwas, wozu man keine Meinung haben kann, Meinung sind z.B. Eine Meinung klebt ein Etikett, eine behauptete Eigenschaft an den Meinungsgegenstand. Fast immer ist damit auch eine - meistens persönliche - Wertung verbunden. Auch ein Zusammenhang, von dem man meint, er sei richtig (= zutreffend), ist eine Behauptung. Zu jeder Meinung oder Behauptung kann man auch anderer Meinung sein. Oft werden Beispiele oder Argumente gebracht, die eine Meinung begründen sollen. Nur in seltenen Fällen kann man beweisen, dass eine Behauptung richtig ist, also die Meinung stimmt. Nur wenn jemand meint, eine Behauptung sei generell richtig bzw. treffe immer zu, lässt sie sich durch ein Gegenbeispiel widerlegen (falsifizieren). Meinungen werden häufig auch mit dem Verweis auf andere Autoritäten oder alte Bücher verteidigt, von denen man behauptet oder belegen kann, dass sie dieselbe Meinung haben. Ein besonderer Clou ist es natürlich, wenn man vom jeweiligen Gegner eine Äußerung zitieren kann, die ihn als (früheren) Anhänger der gerade diskutierten Meinung vorführt. Auch wenn man ihm zeigen kann, dass seine Meinung unlogisch ist, weil sie anderen, von ihm bereits akzeptierten Behauptungen oder Meinungen logisch widerspricht. Selbst das bedeutet oft nicht, dass eine der widersprüchlichen Meinungen aufgegeben wird.

Jede Meinungsäußerung wird als Aufforderung verstanden, sich ihr anzuschließen. Auch dann, wenn der Meinungsäußerer dies gar nicht (bewusst) beabsichtigt hat oder der Empfänger dieser Äußerung nicht vorhat, sich dieser Meinung anzuschließen. Die ersten Meinungen werden bereits als Kind übernommen - vor allem von Eltern, Lehrern, Geschwistern oder anderen Autoritäten; wahrscheinlich durch eine Kombination aus Suggestion und Nachahmungsaffekt. Die so übernommenen Vorurteile können sich bewähren und hilfreich sein. Dann werden sie zum Fundament des persönlichen Weltbilds. Andere Vorurteile werden vorläufig integriert, sind aber weniger fest verankert. Einige erweisen sich dabei als widersprüchlich zu anderen Erfahrungen. Sie können dazu führen, dass einige dieser Vorurteile in Frage gestellt und verworfen werden. Wenn man sich an die falschen Meinungen gewöhnt hat, werden neue Erfahrungen zunächst nicht wahrgenommen (verdrängt, selektive Wahrnehmung). Werden sie dann doch wahrgenommen, so werden sie oft als Ausnahmen behandelt. Dann folgen Versuche das Neue irgendwie in das Alte zu integrieren. Erst wenn alles das nicht funktioniert, ist man bereit das alte Vorurteil über Bord zu werfen - ein oft schmerzlicher Prozess, bei dem auch diejenigen in Frage gestellt werden, von denen die Vorurteile übernommen worden sind. Es gibt viele Menschen, die lieber mit den Widersprüchen weiter leben, als diesen Klärungsprozess zu vollziehen.

Dieser Reflex, sich Meinungen anzuschließen zu wollen, bleibt jedoch erhalten - um so stärker je vertrauenswürdiger derjenige zu sein scheint, von dem die Meinung übernommen wird. Vielleicht will man aus Höflichkeit eine Konfrontation vermeiden. Oft auch, weil das Gefühl, zur Gruppe, die diese Meinung vertritt, zu gehören, positiv erlebt wird. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl gibt auch Sicherheit, weil man sich den quälenden Prozess der Auseinandersetzung mit dieser Meinung nicht selbst unterziehen muss, sondern annimmt, dass die die Gruppe dies schon getan hat oder man ihn - schlimmstenfalls - gemeinsam mit der Gruppe macht. Geteiltes Leid ist dann halbes Leid. Bei Juristen kennt man die herrschende Meinung, der man sich als Einzelner nur schwer entziehen kann, auch weil diese meistens gut begründet ist und von hochrangigen Meinungsführern vertreten wird. Auch die Angst, sich von der Gruppe, der Gesellschaft, die diese Meinung vertritt, zu isolieren, dann alleine den Angriffe der Gruppe ausgesetzt zu sein, und den Argumenten nichts richtiges entgegensetzen zu können, wird viele abschrecken, Gruppenmeinungen in Frage zu stellen

Eine Meinungsäußerung ist nicht unbedingt eine verbale Aufforderung. Oft reichen schon der Besitz von Objekten, Kleidung, Haarschnitt, das wiedererkennen einer Melodie, eines Geruchs oder andere Symbole, die dem Umfeld suggerieren, dass man ein Anhänger des fraglichen Meinungsgegenstandes ist. Dabei kommt es oft gar nicht darauf an, ob der Meinungsäußerer tatsächlich ein Anhänger des Meinungsgegenstandes ist. Die Suggestion wirkt auch so. Oft kommt es nicht darauf an, wie etwas ist, sondern wie man glaubt, dass es ist. Dies gilt besonders stark für die Übernahme einer Meinung oder deren Ablehnung.

Nicht jeder hat zu jedem Meinungsgegenstand eine Meinung. Es gibt auch Desinteressierte. Oder Personen, die die Botschaft (noch) nicht verstehen können oder wollen. Auch ist nicht jede geäußerte Zustimmung ein Beweis, dass der Andere der Meinung tatsächlich zustimmt. Manche tun nur so als ob. Sie sagen oft "ja" und denken "rutsch mir den Buckel runter".

Eigentlich kann alles zu einem Meinungsgegenstand werden, auch Produkte, weil es zu
allem Meinungen gibt. Manche erweisen sich als wohl begründet, andere als oberflächlich.
Meinungen werden in der Regel von anderen übernommen. Was viele meinen,
wird als herrschende Meinung wahrgenommen, der man sich gerne anschließt .

nach oben Einstellungen und Widerstand gegenüber Neuem

Widerstand gegenüber Neuem ist empirisch wahrnehmbar. Oben wurde begründet, dass die Überwindung lieb gewordener Vorurteile ein quälender Prozess ist. Dieser Prozess ist auch eine Quelle des Widerstands gegenüber Neuem. Vorerst wird er als empirisch gegeben postuliert. Später soll er noch genauer analysiert werden.

Was passiert, wenn ein neuer Meinungsgegenstand auftaucht? M. Schratz, nach Rehmann/Härnwall 1991 (und Krebsbach-Gnath 1992) haben Einstellungen gegenüber Veränderungen in einer Organisation untersucht und die unterschiedlichen Grade der Zustimmung oder Ablehnung in 7 typische Haltungen bzw. Einstellungen eingeteilt. Diese Einteilung stammt aus einer Studie, die im Zuge gravierender personalpolitischer Erneuerungen in einer schwedischen Versicherung angefertigt wurde. Zur Bezeichnung verwendet sie Begriffe und Vorstellungen aus dem Bereich der Ausbreitung von Religionen, die demnach ähnlich auch bei anderen Meinungsgegenständen auftreten.

  1. Missionare: ohne sie bleibt alles so wie immer. Eine Veränderung kann nur stattfinden, wenn es Personen gibt, die in der Organisation als Missionare für das Neue auftreten und werben.
  2. Gläubige: werden von den Missionaren angeworben. Sie werden von dem Neuen überzeugt und ehrliche Fans, Sie treten nicht unbedingt lautstark für das Neue ein, sind eher still, beschäftigen sich mit dem Neuen und erklären auf Befragen gerne, warum sie dafür sind. Sie fühlen sich in der Gemeinschaft der Gläubigen wohl und bekennen sich mit Inbrunst zu ihrem Glauben. Zum Missionar ist nur noch ein kleiner Schritt.
  3. Lippenbekenner: geben vor, den neuen Meinungsgegenstand positiv zu sehen. Sie sind interessiert, haben aber noch Zweifel, setzen sich aber mit dem Neuen auseinander. Sie können je nach Ergebnis Gläubige werden oder sich wieder abwenden und das Interesse verlieren. Für den Fall, dass sich das Neue durchsetzt, wollen sie möglichst früh dabei gewesen sein. Deshalb bewegen sie z.B. beim Glaubensbekenntnis zwar die Lippen, sprechen es aber nicht mit.
  4. Abwartende & Gleichgültige: interessieren sich (noch) nicht für die Veränderung, auch weil sie wissen, dass Gut Ding Weile hat und selten etwas so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Besser mal abwarten, wie sich die Sache entwickelt, dann kann man ja immer noch entscheiden, auf welchen Zug man springt. Da am Anfang alle noch nichts von dem Neuen wissen, wird es bei dem Kampf um Meinungen vor allem darum gehen, diese Gruppe für sich zu gewinnen,
  5. Untergrundkämpfer: geben sich als Gleichgültige, lehnen aber aus den verschiedensten Motiven das Neue ab. Sei es, dass sie für sich persönliche Nachteile befürchten oder dagegen sind, weil sie bestimmte Personen der Gläubigen oder Missionare nicht mögen, oder einfach nur, weil sie Spaß daran haben Neues zu sabotieren. Ihr Widerstand gegen das Neue ist subtil. Hinter vorgehaltener Hand werden die Argumente für das Neue bezweifelt, abgetan oder schlecht gemacht. Offene Gegnerschaft wird gescheut - man könnte ja später benachteiligt werden, wenn das Neue sich doch durchsetzen sollte. Vor allem wird kräftig auf Zeit gespielt. Jedes Argument, das die Diskussion oder Umsetzung verzögern könnte wird genutzt. Soweit man damit nicht allzu sehr exponiert, nutzt man Killerphrasen.
  6. offene Gegner: sehen für sich Nachteile und sind bereit offen gegen das Neue zu kämpfen. Ihre Kritik ist lautstark und messerscharf. Sie wollen am liebsten alles so belassen, wie es vorher war. Notfalls schlagen sie Alternativen vor, von denen sie wissen, dass sie nicht funktionieren. Auch das Arsenal der Verzögerung und Verschleppung wird genutzt Da müsste man erst einmal untersuchen oder ein Pilotprojekt machen oder ...
  7. Emigranten: haben es aufgegeben, gegen das Neue zu kämpfen und ziehen sich resigniert zurück. Falls sie die Organisation nicht verlassen, gehen sie in die innere Resignation und bleiben ihr als stille Ungläubige erhalten und sind für Überzeugungsprozesse kaum noch erreichbar.
Diese Typologie der Haltungen gegenüber Neuem zeigt, dass Widerstand gegenüber Neuem kein monolithischer Block ist, sondern bei genauer Analyse aus verschiedenen Motivationen, Verhaltensweisen und -gewohnheiten besteht. Damit werden auch Möglichkeiten zur Beeinflussung des Widerstands sichtbar. So kann es z.B. wichtiger sein, durch Konfrontation Untergrundkämpfer zu offenen Gegnern zu machen, da sie dann nicht mehr intrigieren können, sondern Position beziehen müssen und damit kalt gestellt werden können. Auch ist es z.B. sinnvoller, knappe Werbemittel auf Desinteressierte zu konzentrieren, als auf diejenigen, die schon gläubig sind.

Wenn die Zahl der von einer Veränderung Betroffenen überschaubar ist, lohnt es sich oft der Versuch, die Betroffenen mit Namen in diese Struktur einzuordnen. Dabei kommt es auch vor, dass sie sich nicht eindeutig zuordnen lassen, sondern besser irgendwie zwischen die reinen Typen passen. Das ist normal, denn in der Auseinandersetzung mit Meinungen ändern Personen ihre Einstellungen. Das ist auch der eigentliche Zweck einer Analyse mit Hilfe dieser Struktur: Es geht um die Veränderung von Einstellungen und Möglichkeiten, diese Prozesse zu beeinflussen.

Die Typologie der Einstellungen strukturiert den Widerstand gegen Veränderungen.
Sie ist hilfreich bei der Planung von Maßnahmen zur Überwindung des Widerstands.

nach oben Wie breiten sich Meinungen aus?

Einstellung gegenüber Veränderungen
Diffusion 1
1. Am Anfang sind fast alle gleichgültig
Diffusion 2
2. Es kommt zur Auseinandersetzung
Diffusion 3
3a. Die Meinung gewinnt an Boden ...
Diffusion 4
4a. ... und setzt sich durch.
Diffusion 2
4b. oder die Gegner setzen sich durch.
Missio
-nare
Gläu-
bige
Lippen-
beken-
ner
Abwar-
tende
&
Gleich-
gültige
Unter-
grund-
käm-
pfer
auf-
rechte
gegner
Emi-
gran-
ten
Untergrundkämpfer oder offenen Gegner sind nicht von Anfang an aktiv. Ihre Gegnerschaft wird erst durch das Propagieren des Neuen geweckt. Sie äußert sich um so heftiger, je mehr Gläubige und Missionare es gibt. Ihr Widerstand wird induziert

Die Abbildungen rechts zeigen idealtypisch, wie sich die Meinung zu einem neuen Meinungsgegenstand ausbreitet.

Phase 1. Am Anfang sind fast alle gleichgültig. Wie auch? Solange keiner was von dem Neuen weiß, kann er auch keine Meinung dazu entwickeln. Erst wenn die Botschaft verkündet wird, kann sich eine Meinung bilden. Typisch ist, dass die ersten Fans des Neuen sich zusammenschließen, um möglichst leidenschaftlich das Neue zu verkünden. Wenn sie bezahlt werden und als Werbeträger die frohe Botschaft in den Medien z.B. im Fernsehen verkünden, müssen sie nicht einmal selbst an diese Botschaft glauben - es reicht, wenn sie die Botschaft positiv ausstrahlen. Mit einer leichten Zeitverzögerung entstehen Gläubige und auch schon ersten Lippenbekenner, die höflich einstimmen, um die Chance zu dieser Gemeinde dazu zu gehören, nicht zu verpassen. Der Rumor weckt die latenten Gegner und diese werden aktiv.

Phase 2. Es kommt zur Auseinandersetzung. Immer mehr Gläubige kommen hinzu. In deren Umfeld entsteht ein Halo aus Lippenbekennern, die sich aus den Desinteressierten und Abwartenden rekrutieren. Daraus rekrutiert sich auch der Widerstand. Er formiert sich und organisiert sich. Es kommt zu intensiveren Argumentation für und gegen das Neue. Manche Gegner befürchten, dass ihr Widerstand zwecklos ist und ziehen sich in die Schmollecke zurück. Dies ist die spannendste Phase. Meinung und Gegenmeinung halten sich die Waage. Entscheidend wird jetzt, wer den Rest der Desinteressierten für sich gewinnt. Viele von diesen merken, dass sie auf Dauer nicht neutral bleiben können, sondern irgendwie Position beziehen müssen.

Phase 3a. Die Meinung gewinnt an Boden ... Es gelingt: Lippenbekenner werden zu Gläubigen, weil die Botschaft überzeugt. Dieses wiederum führt zu weiteren Abwanderungen aus der Schar der Gleichgültigen zu den Lippenbekennern. Viele Untergrundkämpfer geben ihre Intrigen auf und werden zu Desinteressierten, weil sie merken, dass ihre Sabotageversuche nicht mehr so erfolgreich sind. Auch die offenen Gegner werden dezimiert. Einige resignieren, andere verlegen ihren Kampf in den Untergrund. Manche frühere Untergrundkämpfer leisten jetzt offenen Widerstand, weil sie noch an eine Gewinnchance glauben.

Phase 4a. ... und setzt sich durch. Der Prozess setzt sich fort. Immer mehr Gläubige kommen hinzu. Die Abwartenden sind für die Sache gewonnen oder machen als Lippenbekenner mit. Einige bleiben desinteressiert. Der Widerstand wird schwächer, bleibt aber erhalten, wenn auch als eher passiver Widerstand der Resignierten.

Phase 4b. oder die Gegner setzen sich durch. Die Gegner der Phase 2 gewinnen die Oberhand, weil einflussreiche Persönlichkeiten sich als Gegner outen oder weil sie die besseren Argument haben, sich besser organisieren oder einfach nur lauter trommeln. Sie erreichen die Lippenbekenner, die sich ja von Anfang an die Option des Zweifels offen gelassen haben. Auch die Abwartenden erkennen ihre Chance, sich der Ablehnung anzuschließen. Die Opposition ist so erfolgreich, dass auch Gläubige ihren Glauben verlieren und weniger werden. Die Missionare resignieren und reduzieren ihre Bemühungen. Von Ihnen hängt es nun ab, ob das Neue stirbt oder ein kleiner Haufen aufrechter Fans übrigbleibt, der auf eine neue Chance hofft. Die Sache ist mehr oder weniger gelaufen und das Getümmel ist abgeklungen. Die Gegenmeinung ist durchgesetzt und muss nicht mehr so offensiv vertreten werden. Die meisten wenden sich interessanteren Themen zu. Die Desinteressierten bilden wieder die Mehrheit.

Dies ist ein idealtypischer Ablauf. Er kann durch andere Anfangsbedingungen (z.B. es gibt keine latenten Intriganten). oder Ereignisse verändert werden. Diese Beschreibung ist ein qualitatives Modell. Um daraus ein quantitatives Modell zu machen, fehlen Definitionen und Zahlenangaben. Beispielsweise ist die Zeitachse, in der die Veränderungen eintreten, ebenso unklar wie die Wirksamkeit der Maßnahmen, die von den Akteuren ergriffen werden, um ihre jeweiligen Meinungen durchzusetzen.

Der Kampf der Meinungen wird normalerweise in einer heißen Phase entschieden.
Danach kommt es meistens zu einer Beruhigung. Oft schwelt der Konflikt weiter.

nach oben Die Meinungsachse

Zustimmung + Mag ichAchseMag ich nicht! - Ablehnung

Eine Differenzierung in 7 Einstellungstypen ist für ein qualitatives Modell und einer überschaubaren Anzahl von Betroffenen hilfreich - es macht auf die Vielfalt der möglichen Motive, Verhaltensweisen und Einstellungen aufmerksam. Bei Versuchen, einzelne Personen jeweils in diese Typologie einzuordnen, zeigt sich, dass viele Personen sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Das Raster ist zu statisch und zu grob. Kennt man einzelne Personen genauer, zeigen sie Merkmale, die zwischen den Typen liegen. So sind viele Gläubige gelegentlich von Zweifeln geplagt und müssen um ihrem Glauben ringen - die Zweifler kämpfen mit dem Teufel. Andere, die Opportunisten, wollen sich profilieren und geben sich sehr früh - je nach Publikum - wie ein Chamäleon mal als Befürworter, mal als Skeptiker aus. Setzt sich die Meinung durch, haben sie schon von Anfang an die Sache unterstützt, geht sie schief, sorgen sie mit dafür, dass dieser Meinungsgegenstand beerdigt wird. Sie pendeln also zwischen Lippenbekennern und Untergrundkämpfern hin und her und lassen sich erst festlegen, wenn klar ist, wie der Hase läuft.

Meinungskontinuum

Diese Übergangsformen zwischen den reinen Typen sind wichtig und nötig, um die Veränderung der Einstellung einzelner Personen zum Meinungsgegenstand nachzuzeichnen. So, wie keiner über Nacht vom Saulus zum Paulus wird, wechselt kein offener Gegner von einem Zeitpunkt zum nächsten total und unwiderruflich zum Gläubigen. Sehr viel plausibler ist es, anzunehmen, dass jeder Wechsel in kleinen Schritten und von Rückfällen begleitet abläuft. Angemessener - wenn auch etwas weniger suggestiv - ist die Sortierung der Personen auf einer Meinungsachse, die von extremer Zustimmung bis zu extremer Ablehnung reicht. Jede Positionierung und jede Positionsveränderung kann auf ihr abgebildet werden.

Über dieser Achse lassen sich die Häufigkeit eintragen. der eher zustimmenden bzw. ablehnenden Personen eintragen wie die Abbildung zeigt. Die Farben und die Farbübergänge zeigen, die Übergänge zwischen den Typen an. Man erkennt noch die Farben der ursprünglichen Typen. Die Glockenkurve zeigt, wie viele Personen wie stark zustimmen oder ablehnen. Die blauen Flächen links vom der vertikalen Grenze zeigt die Anzahl der Personen, die zustimmen (Fans sind). Die rot - violette Fläche rechts von der 2. vertikalen Grenze zeigt die Anzahl der Ablehner. Verschiebt sich also die Kurve nach links steigt die Zustimmung. Bei einer Verschiebung nach rechts steigt entsprechend die Zahl der Ablehner.

Man kann Häufigkeit und Grad der Zustimmung oder Ablehnung auf einer Achse darstellen.
Die Anzahl der Zustimmer zu der neuen Meinung ergibt sich aus der Häufigkeitsverteilung.
nach oben Wie wird man Fan?
Was genau ist ein Fan? Zunächst eine Begriffsklärung: Es ist zweckmäßig, die Missionarstätigkeit vom Missionar als Werbung, Blauer Pfeil, und die Gegenargumentation der offenen Gegner als Anti-Werbung, roter Pfeil, von den Personen abzukoppeln und personenunabhängig zu betrachten. Dann können die Antifans alle als Emigranten betrachtet werden, von denen einige sich noch als offene Gegner outen und die Anti-Werbung argumentativ vertreten. Natürlich werden Missionare und Offene Gegner normalerweise Fans und Antifans sein, die für ihre Positionen werben, aber dies Tätigkeiten können auch von außen eingebracht werden. Modell hierfür könnte die Urteilsfindung vor Gericht durch Geschworene sein. Staatsanwalt und Gegenanwalt werden dafür bezahlt, dass sie belastendes oder entlastendes Material vortragen, gehören aber nicht zur Jury und müssen auch nicht unbedingt von dem, was sie vortragen, überzeugt sein. Speziell in Amerika zielt ihr Schaukampf darauf ab, die Meinungen der Jury zu beeinflussen.

Start
Startschuss

Am Anfang sind alle Personen potenzielle Fans, da es noch keine Missionare gibt und auch die späteren Ablehner nur latent existieren. Mit dem Auftreten der ersten Werbung, R, (ob durch Missionare oder in den Medien) beginnt ein Prozess, der nur durch die Kommunikation zwischen Personen zustande kommen kann. Der erste potenzielle Fan wird durch die Werbung überzeugt oder überredet. Er gehört dann zu den Gläubigen oder Lippenbekennern (die Grenze ist nicht klar zu ziehen, weil ein Lippenbekenner ja noch schwankt und zweifelt, aber nach außen fast wie ein Gläubiger wirkt) Sein Motiv kann ganz unterschiedlich sein. Beim einen ist es vielleicht die Lust auf Neues. Beim anderen ist es die Chance, sich von häuslichen Zwängen zu befreien. Bei wieder einem anderen spricht die Werbung vielleicht Gefühle, oder Gedanken an, die bei ihm schon vorhanden waren. Oder es ist ein leichtgläubiger Lippenbekenner, der leicht zu beeinflussen ist aber auch leicht wieder auf die nächste Neuigkeit aufspringt,

Start
Der 1. Fan

Sobald er sich aber erkennbar als Fan outet, wird die Gegenmeinung aktiv, die versucht ihn wieder von seinem Glauben abzubringen. Auch dies geht nicht ohne Kommunikation. Der 1. Fan sitzt jetzt zwischen 2 Meinungen. Er muss sich entscheiden. Das Ergebnis dieser Entscheidung kann nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden sondern nur mit einer Wahrscheinlichkeit. Diese hängt von der Argumentationsstärke von Werbung und Gegenmeinung ab. Sie wird um so schneller ablaufen, je intensiver beide Meinungen kommuniziert werden. Fallt der 1 Fan wieder vom Glauben ab, ist es wieder wie vorher, nur dass jetzt ein anderer zum 1. Fan wird - oder schon ist, weil die Werbung an alle gerichtet ist.

Start
weiter geht's

Start
Bleibt der 1. Fan bei seinem Glauben, wirkt auf den nächsten potenziellen Fan, der ja auch mit seiner Umgebung kommuniziert, zusätzlich zur Werbung auch die Mund zu Mund Propaganda des 1. Fans ein. Dies verstärkt die Überzeugungskraft der neuen Meinung und falls dadurch der 2. Fan gewonnen wird, gibt es schon eine kleine Gemeinde von 2 Fans, die sich wechselseitig im Glauben unterstützen. Gleichzeitig wird der Gegendruck größer, weil dadurch, dass mehr Fans aktiv sind und vom Umfeld bemerkt werden, auch der induzierte Widerstand wächst.

Fällt keiner der beiden vom Glauben ab, wirken auf den 3. potenziellen Fan nicht nur die Werbung, sondern auch die doppelte Mund zu Mund Propaganda der ersten beiden Fans. Gleichzeitig wirkt auch die Gegenmeinung der Antifans mit doppelter Intensität. Dies führt zu einer Beschleunigung der Entscheidung. Auch hier können nur Wahrscheinlichkeiten angegeben werden, wie das Ergebnis ausfällt. Das geht dann immer so weiter.

Wenn der hier beschriebene Prozess immer so weiter ginge, käme er erst dann zu Ende, wenn es keine potenziellen Fans mehr gäbe. Wenn Werbung und Mund zu Mund Propaganda immer stärker wirken als die Gegen-Propaganda der Antifans, würden immer neue Fans gewonnen werden. Der gesamte Prozess würde sich solange verstärken, bis es keinen potenziellen Fan mehr gibt, der überzeugt werden kann. Die Kommunikation der Fans untereinander erzeugt keinen neuen Fan, kann aber aufkommenden Zweifel bei den Fans reduzieren und so das Gemeinschaftsgefühl der Gläubigen stärken. Je mehr Fans es gibt, desto unwahrscheinlicher ist es, noch einen zu finden, der noch kein Fan ist.

Wovon hängt also nach diesen Modellvorstellungen die Ausbreitung einer Meinung ab?

  1. von der Kommunikationsintensität, d.h. von der Anzahl der Kontakte der Personen untereinander pro Zeiteinheit.
  2. von der Häufigkeit, mit der Fans bei ihren Kontakten Meinungen über den neuen Meinungsgegenstand austauschen. Nur dieser Bruchteil der Kommunikation wird zur Mund zu Mund Propaganda. Vermutlich wird dieser Anteil umso größer, je spektakulärer oder emotional ansprechender der Meinungsgegenstand ist. Diese Meinungsaustausche müssen nicht notwendig verbal erfolgen - jede bewusste oder unbewusste Wahrnehmung kommt in Frage. Oft reicht es, beim andern ein symbolisches Objekt (Kopftuch, Kreuz) oder einen Gegenstand,zu sehen, der mit dem Meinungsgegenstand verbunden ist (neues Auto, Buch ...). Eventuell ist auch noch die Vertrauenswürdigkeit bzw. Vorbildwirkung des Fans zu berücksichtigen.
  3. von der Überzeugungskraft von Werbung, Mund zu Mund Propaganda und Gegenmeinung. Diese Überzeugungskraft kann bisher allerdings nicht absolut, sondern nur relativ zueinander gemessen werden.
  4. Von der Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Kontakt zwischen Fan und potenziellen Fan kommt.
Fans werden durch Werbung und Mund zu Mund Propaganda gewonnen.
Gleichzeitig gehen Fans durch die Gegenpropaganda der Antifans verloren.

nach oben Fan Modelle

Basierend auf diesen Modellvorstellungen werden im folgenden mehrere mathematische Fan-Modelle aufgestellt und deren Ergebnisse untersucht. Wie bei allen Modellen kommt es darauf an, dass in der Realität vorkommende Entwicklungen durch die Modellergebnisse möglichst gut wiedergegeben werden. Die bisherigen Ausführungen zeigen bereits: Fan-Modelle können nicht exakt voraussagen, wer Fan wird und wer nicht. Es bleibt nur die Möglichkeit, dafür Wahrscheinlichkeiten anzugeben. Das erschwert Vergleiche mit der Empirie.

Zunächst wird eine Sequenz von Modellen entwickelt, die auch den Widerstand in Form einer möglichen Alt-Meinung enthalten. Das erste Z0-Modell ist zwar für endliche Zeiten plausibel aber für den Grenzfall t →∞ nicht mehr. Mit den Parametern für Skepsis (Z1-Modell) und Zweifel (Z2-Modell) wird das Z0-Modell ergänzt. Später wird es um die Möglichkeit mehrerer Meinungsachsen erweitert.

nach oben Mathematische Formulierung

Ein mathematisches Modell zur Ausbreitung von Meinungen kennt natürlich keine Semantik: welche Meinung als Gegenmeinung und welche als zu untersuchende Meinung gelten soll, darf in einem mathematischen Modell keine Rolle spielen. Entsprechend unterscheiden sich Anhänger dieser Meinung (die Fans) und die Anhänger der anderen (die Antifans) nur durch den Index m = + oder -. Es ist dem Anwender überlassen, welchen Index er der zu untersuchenden Meinung geben will. Natürlich ist dann automatisch der Index der Gegenmeinung festgelegt.

In später untersuchten Beispielen wird oft die Ausbreitung einer neuen Meinung untersucht, wenn die Gegenmeinung bereits (meistens schon ziemlich lange) eingeführt ist. Dies ist eine Frage der Anfangsbedingung. In diesem Fall ist die Gegenmeinung keine Antimeinung sondern eine Altmeinung. Sie ist eine Hauptursache für den Widerstand, gegenüber Neuem.

Jedes Modell braucht Parameter. Diese sind - zunächst - exogen vorzugeben. Die Kunst der Modellbildung besteht darin, mit möglichst wenigen Parametern möglichst viel von dem zu erklären (bzw. zu prognostizieren), was in der Realität tatsächlich geschieht. Das Fan Modell erklärt weder, woher die (neue) Meinung kommt, noch wie überzeugend sie ist. beides sind exogene Parameter. Es beschreibt nur die Ausbreitung der Meinung, z.B. die Geschwindigkeit der Ausbreitung und wo sie zur Ruhe kommt (Endzustand). Auch kann das Modell nur ungefähr voraussagen, wie viele Fans/Antifans es gibt. Es kann nur Wahrscheinlichkeiten beschreiben, mit denen man dann Erwartungswerte und Streuungen berechnen kann.

Definitionen: Sei Zwar können sich M, Kij , am im Zeitablauf ändern, aber vermutlich sehr viel langsamer, als die im folgenden definierten Wahrscheinlichkeiten und Werbeaktivitäten, bei denen hier die Zeitabhängigkeit (t) explizit angeben wird. Es ist: In jedem Treffen zwischen i und j ≠ i werden mit der Überzeugungsstärke am*Vij Informationen über den Meinungsgegenstand ausgetauscht, die zum Ziel haben, i für die jeweilige Meinung /Gegenmeinung zu gewinnen, je nachdem ob j Fan oder Antifan ist. Wie man sieht, ist die der Kampf zwischen + Meinung und - Gegenmeinung fair, d.h. jede hat die gleichen Chancen, d.h. es gibt in der mathematischen Konstruktion keine Bevorzugung einer Seite. Sie können sich aber in den Wirkungsstärken der Parameter am und Rmi unterscheiden.

Die Parameter am, Tij sind größer als Null; fmi und Kij können auch Null sein. Kij = 0 bedeutet, dass zwischen i und j ≠ i kein Kontakt stattfindet ( Tij = ∞ ). Ki j=i > 0 bedeutet, dass i Selbstgespräche führt, z.B. weil er eigene Experimente, Erfahrungen oder sich Gedanken macht. Hier überzeugt i sich selbst; dies kann besonders in Zeiten wichtig sein, in denen keine Kommunikation von außen auf ihn einwirkt,

Für Wirkungsstärken war bisher kein Messkonzept angegeben, d.h. Wirkungen konnten zwar miteinander verglichen und relativ zueinander gemessen werden, aber es gab keine Skala dafür. Wirkung ist eine Frage der Anzahl der Kontakte mit dem Meinungsgegenstand, ist also um so größer, je mehr Kontakte stattfinden. Da diese proportional zur Zeit sind, haben Wirkungsstärken die Dimension pro Zeit. Ab hier wird Wirkungsstärke oder Überzeugungsstärke gemessen an der zeitlichen Veränderung der Fan-Wahrscheinlichkeiten.

nach oben Z0-Modell der totalen Konfrontation

Direkte Kommunikation zwischen Fan und Antifan bewirken nur Konfrontation, aber keine Meinungsänderung. Ebenso bewirkt Kommunikation zwischen Fans untereinander nichts - sie sind ja schon überzeugt. Gleiches gilt natürlich auch für Kommunikationsaustausche zwischen Antifans. Meinung/Gegenmeinung durch aktive Werbung und Fan/Antifan Kommunikation wirken nur auf die Neutralen. Nimmt man an, dass diese durch die ständige Berieselung zu Fans oder Antifans werden (nach dem Motto steter Tropfen höhlt den Stein), dann ist die maximale Wirkung der Kommunikation:

Diese Wirkung verändert die Fan- bzw. Antifan- Wahrscheinlichkeit: dfmi/dt = Wmi(t) oder ausgeschrieben:
Gleichungen (Z0+) :dfmi/dt ={Rmi(t) + am*∑j Kij* fmj(t)} * f0i(t)
Setzt man noch die Definition von f0i(t) = 1 - f+i(t) - f-i(t) ein, so ergibt sich:
(Z0+)m = + df+i/dt = {R+i(t) + a+*∑j Kij* f+i(t)}*{1 - f-i(t) - f+i(t)}
(Z0-)m = - df-i/dt = {R-i(t) + a-*∑j Kij* f-j(t)}*{1 - f+i(t) - f-i(t)}
Dies ist ein System von 2*M Differentialgleichungen (M=Anzahl der Personen der Meinungsachse M) für die fmi, das leider nicht linear ist, weil in ihnen multiplikativ gemischte Glieder, fmi*fnj, vorkommen. Normalerweise wird man also numerische Lösungsverfahren anwenden müssen. Einige Eigenschaften der Lösung lassen sich aber angeben:

Bei zeitlich konstantem M ist - unabhängig von am, Rmi(t),∑j Kij* fmj(t) - der Endzustand, der sich nach unendlich langer Zeit einstellt: f0i(t →∞) = 0. Mit anderen Worten: Die Personen der Meinungsachse spalten sich am Ende in Fans und Antifans auf; es gibt keine Neutralen mehr. Werbung, Antiwerbung und Fan-Kommunikation haben bei f0i(t)=0 keine Wirkung mehr und die fmi(t) sind und bleiben konstant. Es gibt also entweder nur eine Meinung (oder Gegenmeinung) oder beide Meinungen stehen sich schroff gegeneinander. Jede Kommunikation über den Meinungsgegenstand führt zur Selbstbestätigung oder zur Konfrontation.

Beweis: Ist Wmi(t) = {Rmi(t) + am*∑j Kij* fmj(t) > 0, so folgt für t→∞ für den Endzustand: df0i(t→∞)/dt → 0 aus den Gleichungen (Z0): f0i(t →∞) = 0. Dies ist ein Gleichgewicht, weil sich die Wahrscheinlichkeiten danach nicht mehr ändern.

Zu zeigen ist noch, dass der Endzustand stabil ist. Differenziert man die Definition von f0i(t) = 1 - f+i(t) - f-i(t), erhält man df0i/dt = 0 - df+i/dt - df-i/dt = - {W+i(t) + W-i(t) }*f0i. Wenn also f0i einmal positiv war, dann nimmt f0i solange exponentiell ab, bis f0i = 0 erreicht ist.

Dieses Z0-Modellergebnis steht im Widerspruch zur Realität. Ein neuer Meinungsgegenstand trifft immer auf eine Situation, in der es bereits Meinungen bzw. Vorurteile zu alten Meinungsgegenständen gibt, die bereits seit langem dafür gesorgt haben, dass alle einer Meinung sind, also f-i =1 und f+i = f0i = 0. Dann ist keine Veränderung mehr möglich, keine neue Meinung kann entstehen, so überzeugend sie auch sei und stark auch für sie geworben wird.

Im Modell der totalen Konfrontation sind am Ende alle entweder Fan oder Antifan.
Das sind Sackgassen, aus denen es kein Herauskommen mehr gibt.
Insbesondere stoßen Neue Meinungen auf taube Ohren.
Dies liegt an der passiven Leichtgläubigkeit der Neutralen, die im Kampfgetümmel untergehen.

nach oben Das Z1-Modell mit Skeptikern

Da das Modell der totalen Konfrontation nicht generell gültig sein kann, muss es erweitert werden. Oben wurde der Typus des desinteressiert abwartenden Neutralen beschrieben, dessen Nachbartypen weder Fans noch Antifans sind, Lippenbekenner sind zweifelnde Gläubige und Untergrundkämpfer zweifelnde Gegner.

Neutral zu sein ist also mehr als passiv darauf zu warten, dass man zum Fan oder Antifan bekehrt wird. Skepsis richtet sich gegen den Überzeugungs-/Überredungsversuch, gleichsam als Korrektiv diesem Überredungs-/ Überzeugungsversuch entgegen. Während schnelles Denken alles glaubt, was ihm von vertrauenswürdigen Personen vorgesetzt oder vorgebetet wird, richtet sich Skepsis auch gegen die Werbung. Sie entsteht vermutlich in der Pubertät aus dem Drang zur Freiheit und dem Wunsch, nicht konform zu den Erwartungen zu agieren. Dieser Reflex führt zu einer kritischen Einstellung gegenüber allem, was einen stark prägenden Einfluss ausübt.

Die Skepsis wird hier mit einer persönlichen Skepsisrate 1 > zmi> 0 modelliert. Sie ist eine dimensionslose Zahl. Eine große Skepsisrate bedeutet, dass man Kommunikationen eher misstraut als glaubt und zmi ≈ 0, dass man ihnen kaum Widerstand entgegensetzt, also ihnen fast völlig vertraut.

Das Z1-Modell ergänzt die Gleichungen (Z0+) und (Z0-) noch um die Skepsis. :

Gleichungen (Z1) :dfmi/dt = {Rmi(t) + am*∑j Kij* f-mj(t) } * {f0i(t) - zmi * fmi(t)}
Setzt man wieder die Definition von f0i(t) = 1 - f₊i(t) - f₋ i(t) ein, ergibt sich:
(Z1+)m = + df+i/dt = {R+i(t) + a+*∑j Kij* f+j(t)}*{1 - f+i(t) - f-i(t)*(1+z+i)}
(Z1-)m = - df-i/dt = {R-i(t) + a-*∑j Kij* f-j(t)}*{1 - f+i(t) - f-i(t)*(1+z-i)}
Die Skepsis bewirkt, dass ein bestimmter Bruchteil der Neutralen gar nicht erst zu Fans bzw. Antifans, werden. sondern neutral bleiben. Weil die Skepsisrate zmi für jede Person i verschieden sein kann, z.B. für manche leichtgläubige Personen auch sehr klein, wird für diese f0i(t→∞) ≈ 0. Sie werden Sturköpfe und entweder Fans (Fan-atiker) oder Antifans (Antifan-atiker).

Das hier entwickelte Z1-Modell ist also allgemeiner und weniger radikal als das Modell der totalen Konfrontation. Wenn alle zmi = 0 würden, wäre es das Z0-Modell der totalen Konfrontation. Da im Normalfall nicht alle Personen leichtgläubig sind, gibt es immer einige neutrale Skeptiker. Sie könnten für einen neuen Meinungsgegenstand als Fan gewonnen werden. Der Prozess der Meinungsbildung für diesen neue Meinung käme so in Gang. Weitere Fans könnten gewonnen werden. Wie viele, hängt von den Parametern ab. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass manchmal mehrere Jahrhunderte benötigt werden, bis neue Ideen nennenswert an Boden gewinnen.

Endzustand: Wie sieht es hier mit Lösungen für t→∞ aus? Für zeitlich konstante Parameter am>0, Rmi≥ 0, Kij≥0, zmi≥ 0 sind die Lösungen für dfmi/dt = 0 wieder die Gleichgewichtslösungen. Für die Wahrscheinlichkeiten gilt für alle i und t : fmi(t) ≥ 0 und f+i(t) + f-i(t) + f0i(t) = 1, also auch für deren Anfangswerte: fmi(t=0).

Falls es Personen gibt, für die beide zmi=0, gilt für sie der stabile Endzustand f0i(t→∞)=0 wie im Modell der totalen Konfrontation. Sie sind danach nicht mehr beeinflussbar. Ist ein zmi=0 das andere nicht, folgt sogar fmi(t→∞)=1 und eine Beeinflussung ist nicht mehr möglich. Damit sind die Sturköpfe vorerst abgehandelt.

Aus den Gleichgewichtslösungen dfmi/dt = 0 folgt für die anderen Personen für die beide zmi> 0 sind,

Für f0i(t→∞) folgt dann aus f+i(t) + f-i(t) + f0i(t) = 1 Setzt man f0i(t→∞) wieder in die oberen beiden Gleichungen ein, erhält man f+i(t→∞) und f₋i(t→∞).

Stabilität des Endzustandes: Sollte eine der Wahrscheinlichkeiten fmi(t) in die Nähe von 1 kommen, sind die beiden anderen Wahrscheinlichkeiten entsprechend nahe bei 0, denn f+i(t) + f₋i(t) + f0i(t) = 1. Ist f+i(t) ≈ 0, sorgt R₊i> 0 dafür dass f₊i(t) ansteigt. Anlog gilt dasselbe für oder f₋i(t). Soll dagegen f0i(t) ≈ 0 werden, sorgen z₊i und/oder z₋i dafür, dass f0i(t) wieder wächst. Die Gleichgewichtslösung liegt innerhalb Dreiecks, das durch die drei Ränder der fmi=0 gebildet wird und jede Veränderungen der fmi führt von diesen Rändern ins Innere dieses Dreiecks. Also ist die Gleichgewichtslösung stabil.

Die ebenfalls mögliche Endlösung fmi(t→∞)=0 setzt voraus, dass Wmi(t)=0 und fmi(0)=0. Dies erfordert, dass weder Werbung noch Mund zu Mund Propaganda auf i wirken. Dieser Zustand ist extrem instabil, weil bereits kleine und zeitlich begrenzte Wmi(t)>0 den Diffusionsprozess in Gang setzen, der ins Dreieck hinein führt.

Zeitabhängige Parameter: Sind die Parameter am>0, Rmi≥ 0, Kij≥0, zmi> 0 zeitlich nicht konstant, sondern ändern sich, kann man die Zeitachse in Zeitintervalle zerlegen, so dass die Parameter innerhalb der Intervalle zeitlich konstant sind. Die Veränderung der Parameter findet dann an den Intervallgrenzen zum Nachbarzeitintervalle statt, wo sie neue Werte annehmen und dann bis zur nächsten Intervallgrenze wieder konstant sind. Endlösungen wie oben gibt es nur, wenn sich die Parameter ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr ändern. Man kann aber auch die Gleichungen (2) direkt, ohne die Methode der Zeitintervalle, lösen.

Auch das Z1-Modell steht im Widerspruch zur Realität. Der stabile Endzustand hängt nur noch von den Skepsisraten ab. Ist er erst einmal erreicht (was sehr lange dauern kann) ist er weder durch Werbung noch durch Mund-zu Mund Propaganda veränderbar. Das ist zwar näher an der Realität als im Z0-Modell, weil eine Alternativmeinung, ist sie erst einmal mit Werbung initialisiert, sich bis zum Endzustand ausbreitet, aber dennoch unrealistisch, weil keine Veränderung der Meinungen mehr möglich ist, wenn dieser Endzustand erst einmal erreicht ist. Der jeweilige Glaubensverteilung bleibt also auf diesem (End-) Niveau erhalten. Selbst wenn keine Kommunikation mehr stattfindet, bleibt er erhalten. Jeder Versuch der Beeinflussung stößt wieder auf dasselbe Maß an Skepsis. Die Skeptiker sind in diesem Modell am Ende eine (kleine) Gruppe von Personen, die sich keiner Meinung mehr anschließen werden. Ihre Skepsis wird erst bei einem Überzeugungsversuch aktiv, - eigene aktive Auseinandersetzung mit der Meinung zwischen den Überzeugungsversuchen findet nicht statt.

Erst wenn ein weitere Meinung auftaucht und propagiert wird, kann im Z1-Modell Bewegung in die erstarrten Fronten kommen.

Skeptiker verhindern die Alleinherrschaft von Fans und Antifans.
Im Z1-Modell fixieren die Skepsisraten schließlich auch das Verhältnis von Fans und Antifans.

nach oben Das Z2-Modell mit Skeptikern und Zweiflern

Bis hier finden Meinungsänderung nur in den Beeinflussungszeitpunkten statt.führen. Dann kann sich die Fan-Wahrscheinlichkeit vergrößern. Wenn Kij=i > 0 , dann beeinflusst die Person sich selbst - eine Selbstüberzeugung durch Selbstgespräche oder eigene positive Erfahrungen.

Zwischen den Beeinflussungszeitpunkten können Meinungen in Vergessenheit geraten, Personen sterben oder auswandern, die zuvor Fans oder Antifans waren. Sie werden durch Zuwanderer oder Neue ersetzt, die noch nicht Fans oder Antifans sind. Dies führt zu einer Verringerung der Fan-Wahrscheinlichkeit Schließlich können auch eigene Überlegungen oder (negative) Gefühle oder Erfahrungen, die dazu führen. das man vom Glauben abfällt und zum Lippenbekenner wird. Hier zeigt sich auch ein Einfluss des langsamen, analytisch-systematischen Denkens, das Widersprüche und Ungereimtheiten entdeckt, und deswegen zweifelt und vom Glauben abfällt. Ein klassisches Beispiel dafür sind kognitiven Dissonanzen, die zum Zweifel an einer vorher eingenommenen Meinung oder Haltung führen.

Zweifel und Vergessen gehören also zum Glauben. Manchmal wird dieser Zweifel auch attraktiv durch den Reiz, im Mittelpunkt zu stehen und von anderen umworben zu werden. Auch die Überlegung, als Zünglein an der Waage für sich Vorteile herauszuschlagen, wenn man - nicht ohne Gegenleistung - mal mit der einen - mal mit der anderen Seite zusammengeht, kann eine Rolle spielen. Die Chance als Konfliktmoderator, Richter oder Friedensstifter sein persönliches Ansehen zu erhöhen und bei Erfolg die Befriedigung zu genießen, ein kooperatives Zusammenleben trotz unterschiedlicher Ansichten ermöglicht zu haben, ist ebenfalls attraktiv.

Im Z2-Modell werden Zweifel und Vergessen durch die Zweifelrate: Zmi > 0 modelliert. Zweifel und Vergessen wirken permanent und treten unabhängig von Überzeugungs-/Überredungskommunikation auf. Die Zweifelrate hat die Dimension: pro Zeit, d.h. je länger man nicht entsprechend kommuniziert, desto größer wird der Zweifel bzw. das Vergessen. Natürlich kann nur jemand zweifeln oder vergessen, wenn er zuvor Anhänger der fraglichen Meinung war. Zweifel und Vergessen tritt daher als Summand Zmi * fmi zu den Gleichungen (Z1) hinzu. Auch wenn Zweifel und Vergessen klein sein können - sie sind immer vorhanden.

Die Modellgleichungen des Z2 Modells sind also

Gleichungen (Z2) :dfmi/dt = {Rmi(t) + am*∑j Kij* fmj(t) } * { f0i(t) - zmi * fmi(t)} - Zmi *fmi(t)
Setzt man wie zuvor die Definition von f0i(t) = 1 - f₊i(t) - f₋ i(t) ein, ergibt sich:
(Z2+)m = + df+i/dt = {R+i(t) + a+*∑j Kij* f-j(t)}*{1 - f+i(t) - f-i(t)*(1+z+i)} -Z+i* f+i(t)
(Z2-)m = - df-i/dt = {R₊i(t) + a-*∑j Kij* f+j(t)}*{1 - f+i(t) - f-i(t)*(1+z₊i)} - Z₊i* f-i(t)
Das Z2-Modell enthält also die Skepsis und den Zweifel. Es ist enthält das Z1-Modell als Grenzall für Zmi = 0 und das Z0-Modell für Zmi = zmi= 0 . Es ist also das umfassendste der bisher betrachteten Modelle.

Ein Nachteil ist, dass nur wenige seiner Ergebnisse algebraisch untersucht werden können. Man muss auf Computerlösungen bzw. -simulationen zurückgreifen. Nur im einfachsten Fall, in dem es nur eine Meinung und keine Gegenmeinung gibt und alle Personen der gleichen Beeinflussung ausgesetzt sind, gibt es vergleichsweise einfache algebraische Lösungen.

Stabiler Endzustand: Wie zuvor bei den einfacheren Modellen gibt es bei konstanten Parametern nur einen stabilen Endzustand, in dem beide Meinungen gleichzeitig existieren. Solange es nur eine Meinung gibt und die Gegenmeinung noch nicht existiert und auch nicht für sie geworben wird, gibt es für die existierende Meinung einen Endzustand, der aber (normalerweise) verlassen wird, wenn die bisher nicht vorhandene Gegenmeinung propagiert wird.

Brecht hat 1939 im Gedicht "Lob des Zweifels" die zentrale Funktion des Zweifels beschrieben.

Zweifelnde Fans und Antifans sind das Salz in der Suppe und die Chance für Veränderung.
Die besten Mittel gegen Dummheit 2. Art und Vorurteile sind Skepsis und Zweifel.
Ohne sie kein Lernen, Kreativität, Fortschritt, Überwinden der totalen Konfrontation.
Sie ermöglichen Kompromiss, Konsens und so letztlich friedliches Zusammenleben.

nach oben Ergebnisse für spezielle Fälle

Ob ein Modell etwas taugt, kann man erst beurteilen, wenn man einige Voraussagen mit dem Modell macht, und die Modellergebnisse mit der Realität vergleicht. Um das hier aufgestellte Modell zu testen müssten für jede Person i eine große Zahl von Parametern ermittelt werden: Bisher wurde nur angenommen, dass ami = am nicht von i abhängt. Später werden auch Modelle untersucht, in denen auch diese Annahme aufgehoben wird.

Zu untersuchen wäre dann, ob sich die Wahrscheinlichkeiten entsprechend dem Modell verändern, wobei als Problem noch zu beachten ist, dass Wahrscheinlichkeitsaussagen nicht für Einzelpersonen, sondern nur für größere Mengen von Personen gemacht werden können, die gleiche Voraussetzungen haben. Besteht die Menge M aus M Personen, wären dies M*(M+6) Daten. Dazu käme noch, dass sich diese Daten mit der Zeit verändern können, Außerdem müsste ausgeschlossen werden, dass die Personen der Menge M von außen beeinflusst werden.

Kaum jemand hat all diese Daten bereits erhoben (auch wenn hier bei einigen über Facebook Daten oder andere Spy-Software vermutlich viele der benötigten Daten vorliegen könnten, die nur auf eine sinnvolle Verwertung warten). Ein direkter Test des oben aufgestellten generellen Modells ist mit mir zur Verfügung stehenden Daten nicht möglich. Er würde vermutlich wegen der Vielfalt der Eingangsdaten und deren Messfehlern auch keine klare Aussage liefern.

Die Modelle sollten zunächst für einige plausible Sonderfälle (Laborfälle) untersucht werden. Ein Vergleich dieser Modellprognosen mit Laborexperimenten ist dann damit grundsätzlich möglich.

nach oben Standardfälle (Z3-Modell)

Zunächst sollen Fälle betrachtet werden, in denen die Anzahl der Parameter überschaubar ist, weil an diesen dann die Wirkung dieser Parameter untersucht werden kann. Hierzu sind besonders Fälle geeignet, die eine hohe Symmetrie aufweisen. Zunächst sollen also Fälle untersucht werden in denen die Beeinflussungsparameter für alle Personen gleich sind. Folgende Annahme für die Parameter werden hier getroffen:
  1. Zunächst soll für jede Personen i die Kommunikationsintensität mit allen anderen (j) gleich sein, d.h.:
    • B=∑j Kij hängt nicht von i ab. Dann hängt auch Am = am* B = am* ∑j Kij nicht von i ab.
    Dies bedeutet weder, dass jeder mit jedem kommuniziert, noch dass jeder einen gleich strukturierten Bekanntenkreis haben muss. Die Kommunikationsnetze können durchaus Cluster enthalten, in denen Personen besonders intensiv miteinander kommunizieren und dafür mit anderen sehr viel weniger, oder Personen, die einen kleineren Bekanntenkreis haben als andere, die aber diesen Bekannten eine höhere Vertrauenswürdigkeit und Vorbildwirkung zumessen usw.
  2. Am Anfang sind alle Wahrscheinlichkeiten gleich fmi(t=0) = fm(t=0), also unabhängig von i.
  3. Die Werbewirkung Rmi(t=0) = Rm(t) ist für jeden gleich, also unabhängig von i.
  4. Die Skepsisrate zmi(t=0) = zm(t) ist für jeden gleich, also unabhängig von i.
  5. Die Zweifelrate Zmi(t=0) = Zm(t) ist für jeden gleich, also unabhängig von i.
Dann sind auch für t>0 alle Wahrscheinlichkeiten gleich fmi(t) = fm(t), also unabhängig von i. Alle Personen sind einer gleich starken Beeinflussung ausgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit für x Fans zum Zeitpunkt t ergibt sich dann aus der Binominalveteilung BinomV(M, fm(t), x ) mit M= Anzahl der Personen in M. Der Erwartungswert für die Fan-Anzahl ist dann:Fm(t) = M*fm(t) für die Anzahl der jeweiligen Fans. Die Gleichungen (Z2), die vorher für jede Person i unterschiedlich waren, vereinfachen sich jetzt zu:
Gleichungen (Z3) :dfm/dt = {Rm(t) + Am*fm(t)} * {f0(t) - zm*fm(t)} - Zm*fm(t)
(Z3+)m = + df*/dt = {R*(t) + A+*f-(t)}*{1 - f-(t) - f+(t)*(1+z+)} - f+(t)*Z+
(Z3-)m = - df-/dt = {R-(t) + A-*f+(t)}*{1 - f+(t) - f-(t)*(1+z-)} - f-(t)*Z₋
Es gibt also nur noch 8 Parameter für die beiden Wahrscheinlichkeiten f₋(t) und f₊(t). Auch die Gleichungen (Z3) lassen sich nicht einfach lösen. Für konstante Parameter gibt es 4 stationäre (d.h. dfm/dt = 0) Lösungen. Besonders einfach ist im Z1-Modell in dem die Zweifelraten 0 sind. Die Lösung ist bereits bekannt.
Z1-Modell: Z₊=Z₋=01 234
stationäre
Lösung
f₋⁰ =z₊/(z₊+z₋+z₊*z₋ )- R₋/A₋ (1+R₊/A₊)/(1+z₋)-R₋/A₋
f₊⁰ =z₋/(z₊+z₋+z₊*z₋ ) (1+R₋/A₋)/(1+z₊)-R₊/A₊-R₊/A₊
Nur die Lösung 1 ist stabil. Sie hängt nur von den zm ab, nicht dagegen von Rm. Die anderen sind entweder nicht erlaubt (ein fm⁰ < 0) oder instabil (ein fm⁰ = 0 bei Rm(t) = 0

Die 4 stationären Lösungen des Z2-Modells sind nicht so leicht zu analytisch darzustellen, weil dazu die Nullstellen eines Polynoms 4. Ordnung zu ermitteln sind. Sie hängen im Gegensatz zum Z1-Modell auch von den Kommunikationsparametern ab. Auch hier gibt es nur eine stabile stationäre Lösung, die am einfachsten numerisch zu ermitteln ist.

Gibt es nur eine Meinung fm≠ 0, lässt sich - solange die andere noch nicht vorhanden ist( f-m= 0,) - entwickelt sich fm , wenn die Parameter R, A, z und Z konstant sind, mit der mit folgender Standardlösung:

Gleichung 3'df(t)/dt = {R + A*F(t)} *{1 - f(t)*(1+z)} - Z*F(t)Startbedingung f(0)=S/2
neue Parameterw = A - Z - R/(1+z) W2 = w2 + 4*R*A*(1+z)bedeutet für t₀
Standardlösung f(t;A;R;z;Z)={w-W+(w+W)*eW*(t-t₀)}/{1+eW*(t-t₀)}/2 t₀ = ln{(w+W-S))/(W-w-S)}/W
f(t) bei
A=10 z=0,1 Z=1
^ (Bild 0)R=1,4hellblau0,2blau0lila
nur 1 Meinungt
>
Sind beide fm(0) = 0 und beide Rm(t) = 0 . passiert gar nichts. Um Fans für die erste Meinung zu gewinnen, muss Rm(t)>0 werden. Solange nur diese existiert und bei der anderen, -m, sowohl f-m(0)=0 als auch R-m(t)=0 ist, bleibt f-m(t) = 0. In dieser Zeit gilt für die Fan-Wahrscheinlichkeit der ersten Meinung die Standardlösung, etwa - wie in Bild 0 - fm=f(t;10;1,4,2;0,2;1) (hellblau-Kurve) bzw. fm=f(t;10;0,2;0,2;1) (blau-Kurve). Wird ab t>0,06 die Werbung abgeschaltet: fm=f(t;10;0;0,2;1) (lila-Kurve). Die Fan-Wahrscheinlichkeit der ersten Meinung entwickelt sich dann etwas später und ist im Endzustand geringfügig niedriger. Mit den Parametern der Bild 0 wird der Endzustand bei t=1 erreicht.

Sobald die Gegenmeinung mit R-m(t) > 0 eingeschaltet wird, entwickelt sie sich die Fan-Wahrscheinlichkeit anders. Für verschiedene Parameterkonstellationen lassen sich Lösungen numerisch bestimmen. In allen Beispielen der folgenden Tabelle mit Lösungsgrafiken ist A₊=A₋=10. Dies bedeutet, dass beide Meinungen die gleiche Überzeugungskraft a₊=a₋ haben. Die Grafiken gehören paarweise zusammen: die linke Grafik zeigt den Verlauf im f₊-f₋-Diagramm und die rechte im fm-t -Diagramm (t=Zeit). Im rechten Diagramm-Paar wird die Werbung nur für ein Zeitintervall der Länge 0,01 (Rm(t,T)=Rm für T<t<T+0,01) eingeschaltet. Für alle anderen Zeiten ist Rm(t,T)=0. Da Meinung + zuerst startet, ist sie die Alt-Meinung und - die Neue.

Modell + und - starten gleichzeitig
Werbung bleibt permanent aktiv
Zuerst startet + , später - .
Werbung nur als Initialzündung
R+=0,2(t>0)=0,2 R-(t>0)=0,2lila 0,4blau 0.8hellblauR+<*sub>(t,T=0)=0,2R₋(t.T=0,1lila 0,3blau 0,6hellblau )=1,2
z₊=0
z₋=0

Z₊=0
Z₋=0
Z0 mit Werbungf₋
>
Z0 mit Werbungt
>
Z0 ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
Z0Die Wahrscheinlichkeiten sind proportional zu R
Alle enden auf der roten Diagonale.
Ab Werbe-Ende sind die Wahrscheinlichkeiten
proportional zum dabei erreichtem Wert.
z₊=0,2
z₋=0,1

Z₊=0
Z₋=0
mit Werbungf₋
>
mit Werbungt
>
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
Z1Die Wahrscheinlichkeiten beginnen wie oben,
drehen dann aber in den Endpunkt Rot-Punkt (auch >)
Späterer Start von - :>langsamere Entwicklung
von - und längere Dominanz von + .
z₊=0
z₋=0

Z₊=1
Z₋=1
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
Z2aohne Skepsis aber mit Zweifel. Wahrscheinlich-
keiten 10% kleiner und Entwicklung wie in Z0.
Auch hier ähnlich zum Z0-Modell auf niedrigerem
Niveau. Spätstarter büßen etwas weniger.
z₊=0
z₋=0

Z₊=1,5
Z₋=0,5
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
Z2bohne Skepsis und ungleichem Zweifel: Der stärkere
Zweifel führt am Ende zum Untergang der Meinung.
Meinung - verdrängt auch hier auf Dauer + , selbst
wenn sie erst spät startet
z₊=0,2
z₋=0,1

Z₊=1
Z₋=1
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
ohne Werbungf₋
>
ohne Werbungt
>
Z2cSowohl Zweifel als auch Skepsis. Gleicher Start
und Dauerwerbung: ähnlich wie Z1-Modell.
Auch hier Ähnlichkeiten zum Z1-Modell. Gleicher
Zweifel > niedrigere Wahrscheinlichkeiten.
Die Beispielsammlung zeigt die Wirkung der Parameter. Die Bedeutung des Startzeitpunktes
zeigen die rechten Grafiken. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Ein weiteres (spezielles) Beispiel zeigt den Lebenszyklus einer Meinung z.B der Meinung über einen Markenartikel.

Bild 2: Lebenszyklus einer Meinung. 4 Phasen
In I und II gibt es nur f₋, in III taucht auch f₊ auf
und in IV löst sie f₊ ab.
Phase I - IVPhaseIIIIIIIVV
A₊=10z₊=0,02Z₊=2,5R₊= 20,20
A₋=15z₋=0,01Z₋=2,0R₋=020
pfeilf+pfeilf₋ Werbeimpulse pfeil
ohne Werbungt
pfeil
Der Start jeder Meinung braucht die Initialzündung durch Werbung. Die Beispiele zeigen, dass man auch bei Parametern, die sich zeitlich verändern, mit dem Aneinanderstückeln von Lösungen zu konstanten Parametern viele Fälle berechnen kann. Natürlich kann man mit etwas mehr Aufwand auch für zeitlich variable Parameter die Gleichungen direkt lösen, (hier in Bild 2 für Phase V vorgeführt.). Die gezeigten Beispiele geben eine gute Übersicht über die zu erwartenden Ergebnisse..

Der Werbung (z.B. durch Missionare) kommt eine wichtige Rolle zu, vor allem bei der Initialzündung einer Meinung. Auch als Erhaltungswerbung kann sie verhindern, dass eine eigentlich weniger überzeugende Meinung völlig platt gemacht wird. Ist eine Meinung erst einmal durch Missionare in die Welt gebracht, wird sie durch die Mund zu Mund Propaganda weiter verbreitet. wenn sie überzeugend genug ist, die Zweifel zu überwinden. Sie bleibt dann auch ohne Werbung erhalten. Andernfalls wird sie ohne Werbung langfristig wieder völlig verschwinden.

Alle beschriebenen Prozesse brauchen Zeit. Diese Zeitdauer hängt stark von den Zweifelraten und den jeweiligen Startwahrscheinlichkeiten der Meinungen, ab. Je stärker der Zweifel, desto schneller der Prozess. Am schnellsten laufen die Prozesse, wenn beide Startwahrscheinlichkeiten noch nahe bei Null liegen, weil dann noch viele Neutrale überzeugt werden können.

Sind alle gleichen Einfluss ausgesetzt, gibt es hier einige quantitative und qualitative Lösungen.
Zeitdauern und Endzustände hängen jeweils von den Parameterwerten ab.

nach oben Sturköpfe, Fan-atiker, Gurus, Sekten und Islamisten

Während bisher untersucht wurde, was passiert, wenn alle Personen gleiche Ami, Rmi, Zmi, fmi(0)- Werte haben, also alle den gleichen Beeinflussungswirkungen ausgesetzt sind, in dieser Hinsicht also gleich sind, wird jetzt untersucht, wenn einzelne Personen kaum zweifeln (Sturköpfe sind) und/oder wenn die Kommunikationsnetze innerhalb von Gruppen - im folgenden Cluster genannt - besonders dicht sind und zwischen Clustern nur geringe kommunikative Beziehungen vorhanden sind.

Da Cluster keine Rolle spielen, wenn die Werbung für alle Cluster gleich sind und die Anfangswahrscheinlichkeiten in den Clustern nicht voneinander abweichen, werden hier extreme Fälle gezeigt, in denen diese Bedingungen nicht zutreffen.

  1. Sturköpfe sind leichtgläubige Personen, (Index k), die zu einer Meinung weder Skepsis (zmk⪆0) noch Zweifel haben (Zmk⪆0). Sie bilden eine Teilmenge von M also k ∈ K⊂M. Sie lassen sich von der Meinung leichter beeinflussen als andere und sind später nicht mehr von ihrer Meinung abzubringen, insbesondere wenn sie der bezüglich der anderen Meinung skeptisch sind. Diese wird abgelehnt: df-mk(t→∞ ) /dt=0. Sie sind dann unbelehrbar. Weil sie keine Zweifel kennen, läuft der Überzeugungsprozess bei ihnen schneller ab, als bei alle anderen. Sie springen förmlich auf die jeweilige Meinung und beißen sich an ihr fest. Sie kämpfen dann für diese Meinung und nehmen sogar eher den Tod auf sich als ihren Glauben aufzugeben. Auch wenn das Modell nur eine Wahrscheinlichkeit für die Endwerte der Gruppe der kämpfenden Sturköpfe liefert: für den einzelnen ist der das Ergebnis entweder f+k(t→∞ ) = 1 oder f-k(t→∞ ) = 1.

    Wenn dieser Prozess abgelaufen ist, können die Gleichungen (2) vereinfacht werden: Die Menge der Kämpfer bzw. Sturköpfe teilt sich auf in die Menge der = Fan-atiker, K₊, in der f+k = 1 für k∈ K₊ gilt, und die Antifan-atiker, für die f₋k = 1 für k ∈ K₋ ist. Die Kommunikationsintensitäten die auf die Sturköpfe wirken, sind dann für sie wirkungslos. Ihre Kommunikationsintensitäten mit den anderen wird

    • Kfmi(t) = ∑jKij* fmj(t) = ∑kKik+∑j Kij* fmj(t) für i,j ∈ M∖K und k∈ Km.
    Der SummandkKik hängt nicht mehr von t ab, und kann daher in die Werbung Rmi integriert werden. Werbung ist ganz oder teilweise die Kommunikation der kämpfenden Sturköpfe.

  2. Gurus sind eine (meist kleine) Teilmenge von K also g∈ G⊂K gibt, die - zumindest für ihre Fans - eine hohe Glaubwürdigkeit Vg haben und wie die kämpfenden Sturköpfe Zweifelraten von fast Null haben. Diese Gurus sind von ihrem neuen Glauben überzeugt: f+g(0) = 1, der im Gegensatz zur herrschenden Altmeinung hier - steht, weil sie z.B. vorher entsprechend ausgewählt und indoktriniert wurden. Sie fungieren dann als Missionare für den neuen Glauben.

    Sie bilden möglicherweise den Kern der Werbung R₊i. Während in den bisherigen Betrachtungen die Werbung für alle Personen dieselbe war, wirkt die Werbung der Missionare nur auf den kleineren Kreis ihrer Bekannten für die Kig > 0 ist.

  3. Fall 2.1: Die Sekte: Wirbt ein Guru in einer Gruppe von Personen, s∈SM , die intensiv untereinander kommuniziert und vernetzt ist, während sie mit dem Rest der Bevölkerung kaum Kontakte haben, kann es in dieser Gruppe zu einer Sonderentwicklung kommen, während im Rest der Bevölkerung.die Altmeinung dominiert, z.B. f₋i= 0,8 , f+i(0)= 0 für i ∉ S.

    Vor allen Dingen muss der Guru verhindern, dass in der Sekte die Fans der Altmeinung in die Minderheit kommen und auf Dauer ganz eliminiert werden. Die Bedingung dafür ist: R₋s + a₋*∑iKsi*f₋i < Z₋s , mit s∈ S. i ∈ M, mit den Beispielwerten R₋s + a₋* ,8* ∑iKsi < Z₋s . Gleichzeitig muss er dafür sorgen, dass f+ möglichst schnell möglichst hoch wird. Die Bedingung dafür ist R₊s + a₊*∑iKsi*f+i ≫ Z₊s mit s ∈ S. i ∈ S, weil für i∉ S wegen d₊i(t)≈ 0 kaum nennenswerte Beiträge liefert. Auch darf zur Meinung kaum Skepsis bestehen oder zumindest muss diese erheblich kleiner ist als die Skepsis bezüglich der Gegenmeinung (z₊ ≪ z₊ ). Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass man vermutlich nicht gleichzeitig den Zweifel Z₊s niedrig und Z₋s hoch machen kann, weil man - bei einer Meinung, um die es gerade geht, - wohl nicht gleichzeitig kritisch zweifelnd und leichtgläubig sein kann. Also hängt es vor allem davon ab, ob R₋s undiKsi, also der Kontakt zwischen den Sektenmitgliedern und dem Rest der Welt, möglichst klein gehalten werden können.

    Scientology ist dafür ein Beispiel. Dort sind auch die hier vorausgesetzten Bedingungen gut zu beobachten: Die Gurus wollen ihre Glaubensbrüder vom Rest der Welt fern halten, weil sie sonst wieder vom Glauben abfallen. Natürlich steht dies im Widerspruch zu ihrem Wunsch, weitere Mitglieder anzuwerben. Daher dürfen nur ausgewählte, über längere Zeit indoktrinierte, meist in der Sektenhierarchie hochstehende Sektenmitglieder aktiv werden und Außenkontakte aufbauen.

  4. Fall 2.2: Die Islamisten: Da der Koran als das unmittelbare Wort Allahs gilt. und daher über allem Zweifel erhaben ist, muss jeder Islamist kämpfender Sturkopf bzw. Fanatiker sein. Die Salafisten interpretieren den Koran besonders radikal. Jeder hat notfalls auch mit seinem Leben für diesen Glauben einzustehen. Auf einen Abfall vom Glauben steht bei den Islamisten daher die Todesstrafe. Dies ist eine in sich konsistente Haltung. Sie wird sich auf Dauer durchsetzen, - es sei denn, sie wird durch eine ebenso konsequente Gegenmeinung bekämpft.

    Ergebnis ist dann das Z0 Modell der totalen Konfrontation. Hier ist keine weitere Entwicklung mehr möglich. Personen, die zweifeln, bleibt nichts anderes übrig, als zu sterben oder zu fliehen. Für diejenigen, die bleiben und überleben, erstarrt die Welt, solange die totale Konfrontation anhält. Selbst wenn eine der Glaubensrichtungen siegt - wie lange wird es dann dauern, bis die Fanatiker aussterben und sich wieder Verhältnisse entwickeln, in denen eigene Gedanken und erste zaghafte Zweifel erlaubt sind?

Sekten und Islamisten sind als Spezialfälle im Spektrum der Lösungen enthalten.

nach oben Modethemen

Warum gibt es Themen, die eine Zeitlang die Medien beherrschen und ein Zeitlang das wichtigste von der Welt zu sein scheinen, um dann sang- und klanglos wieder fast völlig zu verschwinden? Wer spricht heute noch von der Erdölkrise, vom Waldsterben, der Vogel- und Schweinegrippe, der Banken- oder der Eurokrise. Auch die Flüchtlingswelle oder die VW-Abgaskrise werden bald der Vergangenheit angehören. Das Fan-Modell könnte dazu Antworten liefern. Meistens handelt es sich um ein neues Thema zu dem es - außer bei Experten - noch keine Alt-Meinung gibt.

Damit liegt eine Situation ähnlich der in Bild 2 vor.

  1. Die Wahrscheinlichkeit f₋ wird in Phase I durch eine Medienkampagne gezündet und durch weitere Medien verstärkt. Es bilden sich Gläubige, die den Prozess weiter vorantreiben, das Thema ist in aller Munde.
  2. In Phase II verlieren die Medien das Interesse, die Sensation ist ja vorbei. Dennoch läuft der Prozess auch ohne Medienunterstützung weiter, f₋ wird zur Alt-Meinung.
  3. Mit Beginn der Phase III beginnt eine neue, Meinung f+, als Anti-Meinung zur ursprünglichen Meinung, zunächst zaghaft, dann immer stärker und überzeugender, weil der von der Altmeinung prognostizierte Effekt nicht eintritt, die Gemüter zu gewinnen. Sie setzt sich, wie gezeigt, auch ohne große Werbeunterstützung, langsam aber sicher durch. Damit wird auch ein Revival des ursprünglichen Themas schwer.
Inzwischen haben die Medien evtl. nach mehreren weniger erfolgreichen Versuchen (=Flops) dann doch ein neues Thema gefunden, mit dem sie Meinung machen können. Die nächste Welle rollt an. usw. usw.

Welche Bedingungen führen zum Scheitern von Modethemen? Bei den Flops handelt es sich meist um Themen, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind, weil der skeptische Zweifel größer ist als die Verstärkung durch die Mund zu Mund Propaganda. Damit kann das Thema nicht durchstarten und wird nur durch die Werbung am Leben gehalten. Wenn die Medien dies erkennen, stellen sie die Werbung ein und probieren lieber ein neues Thema. Finden sie eines, dessen Überzeugungskraft groß genug ist, die Zweifel zu überwinden, so läuft eine Welle, wie oben beschrieben.

Das Fan-Modell kann sogar die Mechanik der Modethemen aufzeigen.

nach oben Mehrere Religionen

Das Fan Modell untersucht und prognostiziert die Ausbreitung nur einer Meinung zu einem Meinungsgegenstand und erkennt im Widerstand, der sich der Ausbreitung entgegen stemmt, das Wirken einer Alt- oder Anti-Meinung, Damit lassen sich eine Reihe von Ausbreitungsprozessen beschreiben, vor allem solche, in der es nur um eine Meinung geht, die alle anderen Meinungen dominiert. Dies ist z.B. bei Religionen der Fall, wobei auch Ideologien eine ähnliche Rolle spielen, wie die Religionen. Ähnliche Verhältnisse können z.B. bei den Meinungen zu bestimmten Sportmannschaften vorliegen, über die häufig häufig diskutiert wird oder bei politischen Parteien, die jeweils die Szene dominieren.

Bei der Religion besteht die Alt- bzw. Anti-Meinung in der Regel aus einer Vielzahl von etablierten Religionen und Sekten, von denen fast alle für sich behaupten, sie seien alleine seligmachend und daher so einzigartig, dass alle anderen Ideologien bekämpft und ausgeschlossen werden müssen. Man darf also z.B. nicht gleichzeitig Christ und Moslem oder katholisch und evangelisch sein. Diese Weltanschauungen müssen sich ausschließen. Wenn das so ist, dann kann die jeweilige Antimeinung aus allen Meinungen bestehen, die die zu untersuchende Meinung ausschließen. Diese werben zwar jeweils für sich, und versuchen die Zweifler jeweils für sich zu gewinnen. In den Gleichungen (2) des Z-Modells ist für R₋i und A₋i jeweils die Summen der Wirkungsstärken der Werbung bzw. Kommunikation zu den anderen Religionen einzusetzen.

Soweit die offiziellen Positionen der Religionen, Sekten und Ideologien. Für die Praxis stimmen sie schon lange nicht mehr. Gebildete Personen besuchen die verschiedensten Gottesdienste, um sich zu informieren. Sie bemerken die Systembrüche zwischen den Religionen und Ideologien. Manche basteln sich ihre eigenen Weltanschauungen aus Versatzstücken verschiedener Religionen und versuchen die Widersprüche zu überbrücken. Andere sind konsequenter und erkennen, dass diese Gedankengebäude noch anfälliger und brüchiger sind, als die Religionen und Ideologien, aus denen sie stammen. Ihre Kritik, ihre Zweifel wird so stark, dass sie sich gegen die meisten Religionen und Weltanschauungen immunisieren und sich lieber mit Anderem beschäftigen.

Widerstand gegen Neues ist das Wirken der Alt- oder Antimeinungen.
Zweifel entstehen vor allem an den Systembrüchen zwischen Religionen, Sekten, Ideologien.

nach oben Mehrere Meinungsgegenstände (Z4-Modell)

Die Wirklichkeit besteht aus einer Vielzahl von Meinungsgegenständen. Das wäre unkompliziert, wenn Meinungen zu diesen Meinungsgegenständen unabhängig voneinander wären, so dass sich zu jedem Meinungsgegenstand eine eigene Meinungsachse definieren ließe. In der Realität korrelieren die Meinungen und damit auch die Meinungsachsen mehr oder weniger miteinander. Dies gilt auch für die Religionen, Sekten und Ideologien. Diese korrelieren zwar stark miteinander, weil die Religionen einander offiziell alle ausschließen. In der Praxis basieren sie aber durchaus auf unterschiedlichen Denkrichtungen, so dass sich neue Weltanschauungen und Sekten aus dem Menü der Elemente verschiedener Religionen basteln lassen. Oft ist deren Überzeugungskraft nicht schwächer ist, als sie Religionen aus denen sie stammen.

Was muss an den Modellgleichungen geändert werden, um mehrere Meinungsgegenstände zu beschreiben? Es gibt jetzt nicht nur die 2 Meinungen m=+ oder m=-, sondern so viele, wie Meinungsgegenstände untersucht werden sollen: m=1,2,3 ....∈N.

Gleichungen (Z4)fmi/dt = {Rmi(t) + am*∑j Kij* fmj(t) } * { ∑nrmn*fni(t) - (2+zmi) * fmi(t)} - Zmi * fmi(t)
n summiert über alle n , also auch über m=n . Die Gleichungen Z4 ähnelt den Gleichungen Z2, nur dass jetzt die Definition f0i(t) = 1 - f+i(t) - f₋i(t), die für mehr als zwei Meinungen nicht mehr sinnvoll, ist durch 1 + ∑nrmn*fni(t)-2*fmi(t) ersetzt wird. Gibt es nur zwei Meinungen die total miteinander konkurrieren, ist r12= r21=-1 und r11= r22=1 und die Gleichungen (Z4) gehen in die Gleichungen (Z2) über.

Mit dieser Änderung sind die Gleichungen für mehrere Meinungsgegenstände definiert. Neu ist lediglich nrmn*fn(t), wobei rmn angibt, wie sehr Meinungen m∈N mit Meinung n∈N in die gleiche Richtung gehen. Wie bei allen Korrelationskoeffizienten ist rnn=1 , rmn = rnm und die Matrix der Korrelationskoeffizienten positiv semidefinit.

Ist z.B. der Korrelationskoeffizient rmn=0, so sind die Meinungen m und n unabhängig voneinander. Man kann also sowohl ein Fan der Meinung m als auch Fan der Meinung n sein. Oder auch nicht.

Die Erweiterung auf mehrere Meinungsgegenständer bedeutet also, dass jemand gleichzeitig Fan verschiedener Meinungsgegenstände sein kann. Nur wenn rmn=-1 schließen sich die Meinungen aus und man kann nicht gleichzeitig Fan und Antifan sein, wie im Fall nur einer Meinungsachse. Bei positiven Korrelationskoeffizienten hängen die Meinungen von einander ab, d.h. ein Fan einer Meinung m ist mit höherer Wahrscheinlichkeit Fan der Meinung n als deren Antifan.

Bisher war die Meinungsachse zwischen zwei Extrempolen aufgespannt: der Zustimmung und der Ablehnung

Zustimmung + Mag ichAchseMag ich nicht! - Ablehnung

Meinungsfeld
Bild 3: Meinungsfeld

Bei mehreren Meinungen wird aus der Meinungsachse ein Meinungsfeld: Bei einem Feld kann man in der Dritten Dimension noch die Verteilung und Wanderung der jeweiligen Fans und Antifans darstellen. Bei mehr als drei Meinungsachsen versagt die geometrisch anschauliche Darstellung.

Im Beispiel stehen die beiden Achsen nicht zwingend senkrecht aufeinander, so dass die 2. Achse, wenn sie auf die 1. Achse projiziert wird, eine 2. Meinung oder 2. Antimeinung auf der ersten Achse bildet.

Die Erweiterung auf viele Meinungsgegenstände ist überraschend einfach.
Bei mehreren Meinungsgegenständen sind die Wahrscheinlichkeiten oft voneinander abhängig.

nach oben Der Meinungsraum (Z5-Modell)

Personen haben auch Meinungen über andere Personen: Diese können Sympathien (mag ich ... mag ich nicht), persönliche Nähe (ist mir fremd, unheimlich, ... bekannt, vertraut, ), persönlichem Interesse (ist langweilig, ... lustig, ... reizend, ... spannend, ) ausdrücken oder auch gefühlsmäßig neutralere Meinungen (wirkt männlich ... weiblich), Charaktereinschätzungen (ist energisch ... kapriziös .. eigenwillig ..., ehrlich clever ....brav ... ), oder Fähigkeiten ( intelligent ... geschickt ... praktisch veranlagt) usw.. Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem Meinungen so differenziert sind, wie die Meinung über andere Personen.

Auch die Personen selbst unterscheiden sich in ihren Grundeinstellungen und Interessen. Manche Themen werden von einigen heftig debattiert, die andere völlig kalt lassen. Beispielsweise können viele Frauen über Mode heftig diskutieren, während viele Männer daran wenig interessiert sind. Oder Personen sind von ihrer Prägung oder Grundeinstellung eher Konservativ und stehen Neuem misstrauisch gegenüber, während andere Trendies sich auf jede Innovation stürzen und die Konservativen als spießig und altmodisch empfinden usw. Konservative finden bestimmte Meinungen überzeugend, die von den Trendies als völlig indiskutabel abgetan werden usw.

Bisher war die Meinungsachse zwischen zwei Extrempolen aufgespannt: der Zustimmung und der Ablehnung einer Meinung. Diese Meinungen definierten also das Bezugssystem. Die Menschen wanderten auf dieser Achse im Zeitablauf je nach Grad ihrer Zustimmung oder Ablehnung hin und her. Diese Wanderungsbewegungen lassen sich ins Meinungsfeld bzw. den Meinungsraum übertragen. Da jetzt die Personen mit ihren Einstellungen die Definition der Meinungsachsen mitbestimmen, können die Meinungsgegenstände nicht wie zuvor das Meinungsfeld alleine aufspannen. Damit werden auch Positionen im Inneren des Meinungsraums als mögliche Meinungszentren möglich, z.B. Meinung 4 in der folgenden Abbildung.

Meinungsfeld
Bild 4: Meinungsfeld mit mehreren positionierten Personen und
Meinungs-Distanzen einer Person zu 5 Meinungen.

Sind diese Personen im Meinungsfeld (allgemeiner: im Meinungsraum) bereits positioniert, finden sie Meinungen (oder Antimeinungen) von vorneherein attraktiver und überzeugender wenn diese Meinungen ihren Einstellungen und Interessen eher entsprechen als andere, bei denen dieses nicht der Fall ist. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Überzeugungsstärke am der Meinung m für diese Person höher ist, als wenn sie nicht so nahe positioniert ist. Daher wird die vereinfachte Annahme, dass die Überzeugungsstärke einer Meinung für alle Personen gleich ist, aufgegeben und angenommen, dass sie personenspezifisch ami unterschiedlich stark ist.

Zu vermuten ist, dass ami mit zunehmender Distanz, Dmi zwischen der Meinung m und der Position von i im Meinungsfeld abnimmt. also

Ähnlich können auch andere (personenspezifische) Parameter der Gleichungen (Z4) von der Meinungs-Distanz abhängen, z.B. Wie auch immer die Meinungs-Distanz ermittelt wird und wie diese funktionale Abhängigkeit zwischen diesen Parametern und der Meinungs-Distanz genau aussieht, die Gleichungen (Z4) sind durch die Gleichungen (Z5) zu ersetzen, wobei die einzige Veränderung der zusätzliche Index i an der Überzeugungsstärke am ist.

.

Gleichungen (Z5)dfmi/dt = {Rmi(t) + ami*∑j Kij* fmj(t) } * { 1 + ∑nrmn*fni(t) - (zmi+2) * fmi(t)} - Zmi * fmi(t)

Damit ist eine sehr allgemeine Form gefunden, in der die Fan-wahrscheinlichkeiten nicht nur von Skepsis und Zweifel abhängen, sondern auch die Empfänglichkeit für die Mund zu Mund Werbung von der Imageposition der Person im Meinungsfeld abhängt. Die Position einer Person im Meinungsfeld ist nicht starr, sondern sich ändert sich, wenn sie z.B. Fan der einen oder anderen Meinung wird oder von ihr abfällt. Bild 4 ist also nur eine Momentaufnahme des dynamischen Geschehens, das durch die Gleichungen (Z5) beschrieben wird.

Wie in allen Fan-Modellen muss es auch hier aktive Werbung bzw. Missionare geben, damit die Ausbreitung einer Meinung in Gang kommt. Dies bedeutet, dass sich im hier entwickelten Modell um jeden Meinungspol ein Halo von Fans bildet. Meinungspole ziehen der Menschen an wie Magnetpole kleine Eisenteile. Da Extremmeinungen am attraktivsten sind, weil sie die Komplexität der Welt am stärksten vereinfachen, ziehen sie wie Magnetpole an den Randpositionen des Meinungsraumes die meisten Personen an und binden sie an sich. Von hier aus muss man nur in eine Richtung blicken, um den Feind zu erkennen. Die Missionare und Fans dieser Extrempositionen haben feste Standpunkte und einfache Feindbilder: Der Feind sind alle, die diesen Standpunkt nicht teilen, am feindlichsten natürlich die Antifans, die den Gegenpol besetzen und ihrerseits feste Standpunkte haben. Sie bestätigen folgende Definition eines Standpunktes: "Ein Standpunkt ist ein Weltbild mit einem geistigen Horizont vom Radius Null!"

Ein Position im Inneren eines Meinungsraums ist schwieriger. Zwar sind hier vielleicht mehr Personen positioniert. aber es ist komplizierter, sie zu überzeugen. weil man nach mehreren Seiten kämpfen muss. Der Feind lauert auf allen Seiten. Wer einmal versucht hat, eine derartige Position zu verteidigen, weiß, wie schwer das ist. Das Publikum möchte keine komplizierteren Argumente hören, sondern liebt das Hauen und Stechen und vor allem natürlich die Sieger. Dieser hat dann natürlich recht. Damit können sich die meisten Menschen (eine überwiegende Mehrheit) die die Mühe und intellektuelle Anstrengung des Überprüfens von Argumenten und Bilden eines eigenen Urteils ersparen.

Das Fan-Modell im mehrdimensionalen Meinungsraum beschreibt die Diffusion von Meinungen,
mit Überzeugungsstärken, die von den Meinungs-Distanzen abhängen, vermutlich am besten.
Man kann versuchen, mit den hier beschrieben Modellparametern und Einflussmöglichkeiten
die Ausbreitung einer gewünschten Meinung zu planen oder eine unerwünschten zu kontern.

nach oben Jenseits des Meinungskampfs

Fan-Modelle beschreiben Kampflösungen und keine Konfliktlösungen höherer Stufe. Selbst ein Sieg im Meinungskampf garantiert noch keine dauerhafte Lösung. Die meisten großen Religionen haben nach ihren ersten Erfolgen andere Religionen mit mehr oder weniger militärischer Gewalt und Siegen praktisch ausgelöscht. In der Folge mussten sie erleben, dass sich danach ihre Religion aufspaltetet, das Christentum etwa in die orthodoxe, katholische und protestantische Kirche, der Islam etwa in die Glaubenskriege zwischen Sunniten und Schiiten. Von da ging es dann weiter in unzählige Sekten und Sonderglaubensrichtungen. Dass sich Meinungskämpfe immer wieder neu bilden und sich so das Bild eines ewigen Glaubenskampfes ergibt, ist das Ergebnis der Konfliktlösung des "Kämpfen und Siegens". Zu erkennen sind diese an den immer gleichen und sich endlos wiederholenden Ritualen, Parolen, Argumenten und Einstellungen.
Eine herrschende Meinung erzeugt abweichende Meinungen (Spaltungen, Sekten ...);
ein Sieg im Meinungskampf (herrschende Meinung) ist also nicht das Ende der Kämpfe.
Gibt es eine Chance, das Fanmodell zu überwinden, und aus dem Kampfmodell zu höheren
Formen der Konfliktaustragung zu kommen: Toleranz, Kompromiss und Konsens?

nach oben Pattsituationen

Heute überzeugt man nicht mehr - von Ausnahmen abgesehen - nach dem Motto ".. und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich Dir den Schädel ein". Auch weil man erkannt hat, dass die dadurch erzwungenen Lippenbekenntnisse nicht von Dauer sind. Man versucht stattdessen mit Argumenten zu überzeugen. Dass man mit dieser Missions-, Überredungs- oder Überzeugungsarbeit nicht mehr weiter kommt, erkennt man daran, dass die Konfliktparteien die immer gleichen Argumente bemühen, ohne überzeugen zu können. Ein klassischer Weg, aus diesem Dilemma der sehr ermüdenden und fruchtlosen Diskussionen zu entkommen, besteht im Übergang zum kalten Krieg: Man beschließt offiziell, sich nicht mehr zu attackieren, sondern zu tolerieren (jeder hat das Recht auf seine eigene Dummheit) und preist Toleranz oder Laizismus als neuen hohen Wert der Gesellschaft.

Das Patt der konfligierenden Meinungen bzw. Vorurteile bedeutet ja nicht, dass man nicht unterschwellig weiter daran arbeiten kann, der jeweils konkurrierenden Meinung Fans abzujagen. Am einfachsten, indem man Fans im geeignetsten Moment an der schwächsten Stelle erwischt, sie verführt, umgarnt, erpresst oder welche Methode auch immer eingesetzt wird, um Anhänger zu gewinnen. Warum gibt es so viele konfessionelle Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen? Vermutlich, weil man hier Menschen in leicht beeinflussbaren Situationen indoktrinieren kann. Parallel müssen auch Maßnahmen eingesetzt werden, die verhindern, dass der Meinungsgegner Erfolg hat. Immerhin verhindert das Patt, dass jemand mit offizieller Billigung physisch, mit Gewalt, gezwungen wird, zu konvertieren.

Toleranz ist nicht unbedingt nur eine Erscheinungsform des kalten Kriegs. Wenn sich die Gurus und Gläubigen an die Spielregeln halten, also nicht mehr versuchen, andere unterschwellig zu überzeugen und zu ihrer Meinung zu bekehren, kann sich eine echte Toleranz heraus bilden. Natürlich darf jeder Trost und Hilfe anbieten, wenn der andere dies benötigt oder nachfragt. Leider ist aber der Schritt von der passiven Haltung des Anbietens zu etwas aggressiveren Formen klein. Eine saubere Grenzziehung zwischen Toleranz als Erscheinungsform des kalten Kriegs und echter Toleranz ist schwierig, weil es so viele gleitende Übergänge gibt.

Toleranz ist oft nur eine Fortsetzung des Kampfs mit subtileren Mitteln.
Echte Toleranz kann aber auch als Kompromiss die Kämpfe beenden.

nach oben Delegation an Meinungsmacher

Kein Zweifel: Meinungen sind wichtig. Sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Von politischen Parteien, Produkten, Personen, Unternehmen.... Daher werden Meinungs- und Marktforschungsinstitute beauftragt, herauszufinden, was die Bürger so denken. Sie sollen ermitteln, was diese in der Vergangenheit meinten und was sie in der Gegenwart meinen. Damit können sie Trends aufzeigen und die Interessenten darin beraten, was sie tun können, um diese Meinungen zu beeinflussen. Ob sie mit Fan-Modellen arbeiten, darf bezweifelt werden.

"Meinungsmacher" sind heute hauptsächlich die Medien. Sie suchen die Themen aus, zu denen ihr Publikum eine Meinung haben soll. Meistens liefern sie gleich die Meinung gleich mit. So meint Roland R. Ropers, Wilzhofen. Religionsphilosoph & Publizist 82407 Wilzhofen. "Die Macht vieler Journalisten ist gewaltig. Vielleicht auch notwendig, weil die Ohnmacht der Politiker von Tag zu Tag wächst. Absurde Verhältnisse in einer Demokratie, wo gemäß der Urbedeutung dieses Wortes die Regierung vom Volk ausgehen sollte. Die Herrschaft liegt in der Hand der Meinungsmacher, die mithilfe von Quoten das Volk in die Verdummung führen. Auf dem Hochaltar der Mediencäsaren findet das Schlachtfest von Bildung und Geisteskultur statt." Kräftige Worte, die so nicht von jedem geteilt werden, aber zumindest in der Tendenz stimmen. Wie kommt es zu dieser Machtkonzentration?

Sie entsteht durch die Delegation des Meinungskonflikts oft an Journalisten oder andere Experten. Meist, um nicht selbst nachdenken zu müssen oder als Versuch, damit eine friedliche, höhere Stufe der Konfliktbehandlung zu erreichen. War es vorher die Gewohnheit, sich einem Sieger anzuschließen und dessen Sieger-Meinung zu übernehmen, um sich nicht selbst die Mühe zu machen, sich umfassend zu informieren und sich ein eigenes Urteils zu bilden, werden jetzt "Experten" gesucht, denen man die Entscheidung überlässt, welche Meinung "richtig" ist. Man vertraut dem journalistischen Ethos, dass dieser die "richtigen Experten" sucht, findet und deren Meinung korrekt wiedergibt. Ein Beispiel dafür ist der Kunstkritiker, der von den Medien dafür bezahlt wird, Urteile über Kunstereignisse abzugeben, damit man sich je nach Ergebnis selbst der Kunstgenuss gönnen, ihn verweigern kann, oder vor allem, um anderen gegenüber mit der übernommenen Meinung anzugeben (entliehene Autorität). Man damit kommt dem Bedürfnis des Kunstkritikers nach Geltung entgegen und potenziert ihre Macht, den Kunstgeschmack zu definieren und damit bestimmte Kunstrichtungen zu fördern oder andere zu blockieren.

Bei anderen Themen sind es Wissenschaftler, die kraft höheren Wissens entscheiden sollen, was richtig oder falsch ist. Leider gibt es dafür nur selten objektive methodische Verfahren, so dass auch Wissenschaftler oft nur eigene Meinungen als objektive Urteile verkaufen. Dies ist auch ihnen nach Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert. Oft genug werden Wissenschaftler hofiert oder sogar dafür bezahlt, dass sie bestimmte Meinungen publizieren oder - schlimmer noch - gegenteilige Ergebnisse und Meinungen unterdrücken. Die Verflechungen zwischen Unternehnmen, Politik, Wissenschaft und Medien führen dazu, dass Meinungen massiv beeinflusst werden. Dies schadet dem Wettbewerb und der Volkswirtschaft.

Selbst wo es Wissenschaftlern gelingt, überzeugend zu beweisen, dass Aussagen der Bibel oder des Koran falsch sein müssen, wird am Glauben festgehalten und der Wissenschaft, z.B. bei Darwins Evolutiunstheorie vorgeworfen sie sei "in Wirklichkeit eine dogmatische atheistische Religion". Fast alle Aussagen der alten Schriften, die versuchen, die Welt zu erklären, sind heute als Mythen erkannt, die in Widerspruch zu den Fakten stehen. Selbst wo sie nur historischen Begebenheiten berichten, sind sie ungenau und (meist nachträglich) manipuliert, um die Überlegenheit der Religion zu behaupten. Religiöse Vorurteile dominieren wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie sind Dummheit 2. Art, weil sie Tatsachen und Zusammenhänge behaupten, die in der Realität nicht vorhanden waren oder sind. Die "offiziellen" katholischen und protestantischen und Teile der islamischen Glaubensrichtungen haben den Glaubenskampf mit der Wissenschaft aufgegeben. Sie sehen die Bibel als historischen Text, der kritisch im historischen Kontext ihrer Verfasser gelesen werden muss.

In Diktaturen und Ländern mit starker Zensur, kann die Delegation des Meinungskonflikts an die Medien oder Religionsvertreter funktionieren. Auch die katholische Kirche hat bestimmte Bücher auf den Index gesetzt und ihren Gläubigen verboten, diese zu lesen. In Gesellschaften mit Pressefreiheit kann man nur hoffen, dass andere Medien andere Experten mit anderen Meinungen finden, um ein ausgewogenes eigenes Urteil zu ermöglichen.

Letztlich führt so jeder Versuch, den Meinungskampf zu delegieren, nur zu einem Meinungskampf auf einer "anderen Ebene". Der Konflikt wird nicht gelöst. sondern bestenfalls von mehreren Seiten etwas ausgeleuchtet und aufgearbeitet, so dass es leichter fällt, sich seine eigene Meinung zu bilden. Am Ende bringt Delegation also meistens keine komplette Konfliktlösung - man muss selbst entscheiden,

Delegation an "Meinungsmacher" verschiebt nur den Kampf auf die Experten - Ebene
Nur mit starker Zensur lassen sich Meinungskämpfe unterbinden.

nach oben Kompromiss und Konsens

Verhandlung und Kompromisse könnten ein Ausweg sein. Vorschläge dafür gibt es viele. Sie reichen von gemeinsamen Veranstaltungen von Fans verschiedener Meinungen, wechselseitiger Anerkennung der Rituale und Symbole bis zu gemischten Lebensgemeinschaften. Missionare können selbst einfachen Kompromissen wenig abgewinnen. Ihnen gehen nicht nur die Fans (Seelen) durch die Lappen, sondern auch ihre Macht und ihre wirtschaftlichen Vorteile.

Echte Kompromisse zwischen unterschiedlichen Meinungen sind schwierig zu identifizieren. Oft fehlt der Leidensdruck, der entstehen müsste, wenn man gleichzeitig an verschiedene, sich eigentlich ausschließende Meinungen glaubt. Für Viele ist dies kein Problem. Statt zu leiden, machen sie daraus ein virtuoses Spiel, und wechseln notfalls von einer Sekunde auf die nächste einfach ihren Glauben,

Ein in vielen Jahrhunderten mühevoll erarbeiteter Kompromiss scheint die Trennung von Theologie und Naturwissenschaft zu sein. Letztere erklärt, wie beobachtbare Phänomene zustande kommen, fragt aber nicht nach dem Wozu und interessiert sich nicht für Fantasien, die zu keinen beobachtbaren (= messbaren, falsifizierbaren) Fakten führen. Dieser Rückzug der Theologie und teilweise auch der Philosophie, die reale tote und - in zunehmenden Maße auch - lebenden Natur erklären zu wollen, ist die eine Seite des Kompromisses. Die Naturwissenschaft verzichtet andererseits darauf, Fragen der Ethik und Moral oder nach dem Sinn des Lebens zu beantworten und erklärt sie zu nicht sinnvollen naturwissenschaftliche Fragestellungen.

Dieser Kompromiss beschränkt sich auf den akademischen Bereich. Im Alltag wird dieser Kompromiss vielfach durchbrochen. Naturwissenschaftliche Ergebnisse werden in der Technik zu vielerlei Zwecken benutzt, z.B. auch, um Kriege zu gewinnen (Atombombe). Naturwissenschaftler haben aus moralischen Gründen versucht, die Anwendung dieser Techniken zu begrenzen. Auch sind viele Fortschritte in der Naturwissenschaft von der Diskussion philosophischer oder theologischer Inhalte angeregt worden. Umgekehrt werden philosophische oder theologische Theorien durch naturwissenschaftliche Ergebnisse beeinflusst.

Die Frage, ob divergierende Meinungen zu einem Konsens "verbacken"werden können, ist schwierig zu beantworten. Ich habe dafür noch kein wirklich überzeugendes Beispiel gefunden. Mir scheint, dass die oben eingeführten Skepsis- und Zweifelraten diese Arbeit sozusagen automatisch erledigen. Der Konsens integriert Meinungen und Antimeinungen. Sie werden langweilig, finden keine Fans und Missionare mehr und versinken so im Sumpf vergessener uninteressanter Themen. Doch - wieso dominiert im Alltag der Kampf der Meinungen und wieso sind mögliche Kompromisse oder Konsense so langweilig und uninteressant?

Es besteht keine Notwendigkeit für einen Konsens, solange keine Zwänge angewandt werden, also kein Leidensdruck vorhanden ist. Im Gegenteil: nur durch den Zweifel und seine Widerlegung können sich Meinungen behaupten und bestätigen und sogar (advocatus diabolus) festigen. Kampftechniken werden durch friedlichen Streit, Spiele und faire sportliche Wettkämpfe erlernt und eingeübt: Das ist auch wichtig: Jede Konfliktpartei kann ja wieder zu primitiveren Konfliktbehandlungen z.B. durch Kampf zurückkehren. Dann wird die andere Partei auch auf diese Stufe gezwungen um agieren zu können. Daher muss jede höhere Stufe der Konfliktbehandlung - jeder Kompromiss oder Konsens - immer wieder neu erkämpft werden können. Streit und Wettkampf gehört demnach zum Leben.

Kompromisse sind selten und meistens nicht von Dauer.
Skepsis und Zweifel sind Zeichen von Intelligenz und Fortschritt.
Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden einig sind, ist ein verlorener Abend. (Einstein)