Vorwort

Es gibt Spielzeugmodelle, Fotomodelle, Architekturmodelle aber eben auch wissenschaftliche Modelle. Sie sind vereinfachte Abbildungen der Wirklichkeit, um diese besser kennenzulernen und/oder idealisierte Wunschvorstellungen, die Lernenden als Vorbilder dienen können. Jede Begriffsbildung ist bereits eine Idealisierung der Wirklichkeit: indem wir uns einen Baum oder einen Tisch vorstellen, erzeugen wir Idealvorstellungen, die aus der Abstraktion von den konkreten Gegenständen entstehen und sich von anderen Begriffen abgrenzen. Begriffe bewähren sich in der Kommunikation mit Anderen und sind Quelle von Erkenntnissen über die Wirklichkeit. Modelle tun letztlich das Gleiche. Sie verwenden Begriffe und Logikoperationen, um zu Erkenntnissen zu kommenn.

Ökonomische Modelle haben oft beide Aspekte. So gehören z.B. in der Volkswirtschaftlehre der vollkommene Markt und der homo oeconomicus sowohl zu den Vorbild-Modellen (wer möchte nicht auf einem vollkommenen Markt als homo oeconomicus agieren?) als auch zu vereinfachten Abbildungen von der Wirklichkeit. Kahneman hat gezeigt, dass selbst BWL-Studenten in vielen Situationen nicht rational entscheiden. Wer nicht - wie der homo oeconomicus rational entscheidet, kann von anderen rationaler entscheidenden Menschen ausgebeutet werden. Lotterieunternehmen und die Finanzindustrie leben davon und zwar gar nicht so schlecht. Nicht nur Banker oder Versicherungsvertreter locken ihren weniger ökonomisch beschlagenen Kunden das Geld aus der Tasche. Auch Unternehmen müssen über ökonomischen, insbesondere betriebswirtschaftlichen Sachverstand, verfügen, um nicht von ihren Konkurrenten überflügelt zu werden.

In den 1920er Jahren kam es zu einer als Methodenstreit in der Betriebswirtschaftslehre in die Geschichte eingegangene Diskussion über das generelle Wesen und die zentralen Bezugspunkte. Der Streit erfolgte über den Bezug zum Wirtschaftssystem, die Stellung zur Volkswirtschaftslehre, die wissenschaftliche Methodik, das Erkenntnisobjekt, den Praxisbezug, die betrieblichen Ziele sowie schließlich über die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre als normative, also auf ethische und praktische Normen gerichtete oder andererseits wertfreie, rational-theoretische Wissenschaft.

In einem ähnlichen Methodenstreit der Nationalökonomie vertrat Carl Menger die Auffassung "durch theoretische Deduktion seien ausgehend vom Prinzip der Nutzenmaximierung sehr wohl allgemeingültige und unveränderliche Gesetze des menschlichen Handelns herleitbar (Existenz "absoluter" Wahrheiten). Aufgabe des Ökonomen sei es, diese durch theoretische Analyse zu erkennen. Damit sei die Wirtschaftswissenschaft als ... eigenständige und exakte Wissenschaft möglich " Auch wenn dieser Methodenstreit inzwischen überwunden ist, und neben der deduktiven Ableitung aus dem Prinzip der Nutzenmaximierung auch induktive Methoden der Erkenntnis und Modellbildung möglich sein müssen, zeigt sich doch in diesen Auffassungen, der ambivalente Charakter ökonomischer Modelle. Sie sind einerseits Normen, Regeln und Vorbilder, ähnlich moraltheologischen und philosophischen Systemen. Andererseits versuchen Sie sich aus diesem Bannkreis mit der Einführung des Prinzips der Nutzenmaximierung zu lösen.

Wie weit diese Prinzipien zur Gewinnung von Erkenntnissen taugen, also neben ihrem normativen Charakter auch als wissenschaftliche Modelle verstanden werden können, soll hier untersucht werden.

Mikroökonomische Modelle werden häufig zur Fundierung makroökonomischer Modelle und Aussagen benutzt. Damit werden die Probleme des normative Systems verstärkt. Verhalten sich die Menschen in eine Volkswirtschaft den Normen und Regeln entsprechend? Was ist, wenn Sie es nicht tun? Hier wird die Makroökonomie zu einem Spekulationssystem. Der Streit zwischen Keynesianern und Monetaristen ist entschieden: keine der Theorien ist empirisch haltbar. Sie geraten zu Mantras, die durch ständige Wiederholung behaupten, im Besitz der Wahrheit zu sein und erfinden alle möglichen Ausreden, warum die Wirklichkeit nicht ihren Modellen gehorcht. Ist dies noch Wissenschaft oder eher schon religiöser Glauben?

Die Ökonomie steht mit anderen wissenschaftlichen Errungenschaften und ständiger Wechselwirkung. War sie im Mittelalter noch ein Teilgebiet der Theologie (scholastische Wirtschaftslehre u.a mit dem Wucherverbot). erlaubte Entwicklung der Mathematik das Rechnen im Dezimalsystem und die Einführung der Doppik. Mit Politik, Steuern und Rechtswissenschaft war insbesondere der Volkswirtschaft schon immer eng verbunden. Dies verstärkt den normativen Charakter der Ökonomie. Die Abgrenzung von den Geisteswissenschaften war ein weiterer Schritt zu einer eigenständigen, exakten Wissenschaft. Das Nutzenkonzept stellt eine Brücke zur Psychologie und Soziologie dar, deren Tragfähigkeit untersucht wird.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung wurden neue Modelle und Messverfahren ergänzt. Heute erledigen elektronischen Rechenanlagen große Teile der ehemals aufwendigen und fehleranfälligen Buchhaltung und ermöglichen zeitnahe volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. Verkaufspsychologie, Marktforschung, Werbung oder Management und andere Themen der Psycho- und Soziologie, gehören heute ebenso zum Repertoire einer zeitgemäßen Personal- und Unternehmensführung, wie präzise Kosten- und Investitionsrechnungen. Supermärkte und Kaufhäuser statt Wochenmärkte, Cloud-Computing, Big Data, Industrie 4.0, neue Arbeitsformen und Organisationsstrukturen, z.B. Team- und Projektarbeit erzwingen und ermöglichen neue Anpassungen - auch der Ökonomie.

Die Verflechtung der Ökonomie mit anderen Wissensgebieten nimmt weiter zu.
Die Zeit bleibt nicht stehen. Wir brauchen eine neue Ökonomie!